Aufmüpfiger

Dieses Foto zeigt den streitbaren Bildhauer Alfred Hrdlicka und mich
beim Fotoshooting für eine Kunstausstellung mit dem Titel „Konfrontation“.

Sind Aufmüpfige und Querköpfe
nur getarnte Querulanten?

Jede offene Gesellschaft lebt davon, dass möglichst viele aktiv daran teilhaben und gegen Missstand auftreten. Schweiger und Mitläufer schaden. Sie ecken zwar seltener an als die den Mund aufmachen.

Aber ein mutiger Querkopf ist mir allemal lieber als ein feiger Hasenfuß – auch wenn die Differentialdiagnose zwischen kritischen Querdenkern und fanatischen Querulanten nicht immer einfach ist.

Die letztgenannten können sich zwar auf Plattformen sogenannter Social Media faktenbefreit in Szene setzen und massenweise Follower generieren.

Doch spätestens die schrillen Auftritte von Coronaleugnern während der Corona-Pandemie sollten klar gemacht haben, dass man die Deutungshoheit nicht den Verschwörungsphantasten überlassen darf, und das schon gar nicht, wenn es um Maßnahmen zum Schutz der großen Mehrheit geht, die wissenschaftlich zumindest evident sind.

Ja, Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit sind hohe Güter. Aber lautstarke Aufrufe zur Gefährdung anderer (oder zur Verweigerung von Maßnahmen, die andere vor Krankheit schützen) sind nicht durch diese Grundrechte gedeckt:

Jede Freiheit des einen endet bekanntlich dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. Dieser Grundsatz darf nicht kampflos aufgegeben werden. Er gilt auch dann, wenn die Grenzen im Einzelfall verschwommen wirken und staatliche Eingriffe in Grundfreiheiten umstritten sein mögen.

Manche der „Aufmüpfigkeiten“ im nachfolgenden Bericht hatten keinen Erfolg. Aber das war für mich keine Niederlage: Macht und Mehrheit akzeptieren zu müssen, entwertet ja nicht Mut und Motivation, gegen den Strom zu schwimmen und gegen Missstände aufzutreten, solange es dafür gute Gründe gibt.

„Wir werden uns am Skikurs waschen,
wir sind ja keine Säue“.

Aufmüpfig war ich schon im zarten Alter von 13 Jahren. Unser Klassenvorstand in der Unterstufe des Margaretner Rainergymnasiums lehrte Deutsch und Turnen. Sein Unterricht war gespickt von Schimpfwörtern und persönlichen Beleidigungen. Ich beschloss, sie schriftlich zu dokumentieren. Nachstehend ein Auszug:

Eines Tages zeigte ich die Mitschrift meinen Eltern. Die Mutter nahm sie und legte sie der Schulleitung vor. Hat es mir geschadet? Im Zeugnis des Schuljahres 1963 / 64 bekam ich in Betragen ein „sehr gut“ und in Leibesübungen ein „gut“ (was mich im Rückblick positiv überrascht, denn für Sport habe ich weder Talent noch Neigung). Warum in Deutsch ein Dreier stand, kann ich nicht mehr nachvollziehen; es war mir aber nicht wichtig, zumal ich ohnehin die Schule wechseln wollte.

Was meine Mitschrift bewirkt hat, weiß ich nicht. Womöglich wurde das Tagebuch der Lehrerflüche schubladisiert. Autorität der Lehrer und Gehorsam der Schüler gehörten damals noch zum Alltag der Regelschulen – wer aufmuckte, galt als unerzogener Frechling und riskierte den Schulverweis.

Immerhin vermag die Anekdote eine Haltung anzudeuten, der ich stets treu geblieben bin. Nicht selten wurde ich dafür als vorlaut, widerborstig oder stur kritisiert.

Erst mit 40, als Wirt in meinem ersten Beisel, gesellte sich zum Aufbegehren eine Prise Humor – siehe dazu weiter unten.

Ordinarien gegen Marxisten

Gleich nach der Matura begann ich das Chemiestudium an der Universität Wien. Die 1968-er Bewegung war in vollem Gang und löste auch an den Hochschulen einen Wertewandel aus.

Die meist erzkonservativen Ordinarii wehrten sich gegen die vermeintlich antiautoritären Umtriebe mancher Zöglinge und versuchten, die neu gegründeten Studienkommissionen zu hintertreiben, weil diese – horribile dictu – drittelparitätisch besetzt waren:

Dass Studenten bei Lehrplänen mitbestimmen sollten, war für die meisten Inhaber von sogenannten Lehrstühlen unfassbar.

In dieser Phase des Umbruchs suchte ich nach politischer Orientierung. Lebhaft in Erinnerung habe ich die im Jahr 1972 gegründete Gruppe Revolutionärer Marxisten (die GRM bekam bei der Nationalratswahl 1975 1.024 Stimmen). Ihre Anhänger wollten den Klassenkampf auch auf akademischem Boden anfachen.

Das hielt ich für völlig fehl am Platz, zumal inhaltliche Diskussionen mit den GRM-lern genauso fruchtlos waren wie mit den konservativen unter den Uni-Professoren.

Gleichwohl war nicht zu leugnen, dass die Strukturen der heimischen Hochschulen verkrustet und Reformen überfällig waren.

Allerdings konnte mich keine der politisch aktiven Studentenfraktionen damals begeistern. Auch später war ich niemals Mitglied einer politischen Partei.

So kandidierte ich als Parteifreier und wurde bei der ÖH-Wahl zum Mandatar der Studienrichtungsvertretung Chemie gewählt. Mein „Programm“ war vorwiegend sachlich, aber kritisch orientiert, grenzte sich jedoch explizit von „radikalen Randalierern“ ab, wie ich sie untenstehend in Punkt 4 nannte.

In dieser Zeit organisierte ich auch die sogenannten Chemikerkonzerte: Vertreter der Professoren, Assistenten und Studenten musizierten öffentlich miteinander. Es war ein symbolischer Versuch zur friedlichen Verständigung in der nicht selten aufgeheizten Stimmung in den Studienkommissionen. Das Bemühen wurde von vielen anerkannt.

Nach dem Doktorat begann ich im pharmazeutischen Unternehmen des Vaters. Das war keine gute Idee, denn die Chemie zwischen uns stimmte im wahrsten Sinn des Wortes nicht.

Mein widerborstiger Entschluss, die Firma bald wieder zu verlassen, war folgenschwer: Ich schmiss einen gesicherten Lebensunterhalt hin, ohne einen Plan B zu haben.

Wenig später begann ich, für das Nachrichtenmagazin profil zu schreiben.

Es lebt fast jeder Journalist,
von Skandalen und von Zwist.

Für meine Berichte als Wissenschaftsjournalist für profil und andere Medien passt die Überschrift „Aufmüpfiger“ für diesen Beitrag nicht so gut, denn aufmüpfig zu sein ist für mich in erster Linie ein bürgerschaftliches Engagement gegen vermeintliche Missstände.

Im Nachrichtenmagazin profil wurde ich jedoch dafür bezahlt, über wissenschaftliche Sachverhalte und Kontroversen zu recherchieren und womöglich einen Skandal aufzudecken.

Dabei kamen auch Themen ins Blickfeld wie der umstrittene Krebsverein des Pathologen Heinrich Wrba: Es bestand in den 1980-er Jahren der Verdacht, dass Gelder aus Erbschaften zugunsten der Krebsforschung zweckwidrig verwendet worden seien.

In Beiträgen wie etwa zum Thema „das freudlose Fressen“ muckte ich gegen Dogmen der Schulmedizin auf  und wurde von etablierten Experten heftig kritisiert. Umgekehrt versuchte ich auch, haltlose Versprechen diverser Scharlatane als das zu entlarven, was sie sind: als Humbug (siehe dazu mein Buch „Diät – aber wie“ im Piper-Verlag München, siehe Beitrag „Kämmerer“).

Zahlreiche Artikel widmeten sich der unkontrollierten Umweltverschmutzung sowie umstrittenen Bauprojekten wie dem AKW Zwentendorf und dem Kraftwerk Hainburg.

Zum Thema „Überwachungsstaat Österreich“ schrieb ich im Orwell-Jahr 1984 ein Buch für den Orac-Verlag (siehe Beitrag „Autor“).

Auch der österreichische Weinskandal war mehrfach Thema. Ein Artikel zum Verdacht, der Lebensmittelprüfer Friedrich Petuely habe Gutachten manipuliert, führte sogar zu gerichtlichen Klagen durch den Betroffenen . . . die Liste ähnlicher Beiträge ist lang.

Als Kammerangestellter gegen  Zwentendorf . . .

Am 1. März 1978 begann ich – zusätzlich zum Journalistenjob – als Referent für Lebensmittel und Ernährung in der Bundeswirtschaftskammer (heute WKO, siehe den Bericht „Kämmerer“ auf dieser Website).

Vor der Aufnahme in den Kammerdienst war eine Vorstellung bei Generalsekretär Dr. Arthur Mussil zu absolvieren. Die politische Linie der Interessenvertretung war pro Atomkraft und auch für die Inbetriebnahme des AKW Zwentendorf (damals verwendete man das Kürzel KKW).

Mussil entnahm den Unterlagen während des Vorstellungsgesprächs, dass ich Chemie studiert hatte und fragte nach meiner Einstellung zur Kernenergie. Ich antwortete dem Generalsekretär, dass die friedliche Nutzung der Kernkraft ein geeignetes Endlager für ausgediente atomare Brennstäbe voraussetze; ein solches sei jedoch nicht absehbar, deshalb sei ich skeptisch.

Es war klar, dass ich mit dieser Stellungnahme die Ablehnung der Bewerbung riskierte. Aber Mussil genehmigte sie.

. . . und für Bio-Richtlinien

Wenig später war ich in eine interne Diskussion über den biologischen Landbau involviert. Die Wirtschaftskapitäne in meinem beruflichen Umfeld sahen die steigende Popularität der damals aufkommenden Bio-Produkte skeptisch. Die Sorge war begründet, hatten doch zahlreiche Gesundheitsapostel schon bisher vor der Schädlichkeit industrieller Erzeugnisse gewarnt, den weißen Zucker als Vitamin-B-Räuber und das Auszugsmehl als ungesund verteufelt.

Dass Bio-Produkte als gesund angepriesen wurden, sah man kammerintern als unlauteren Wettbewerb und hielt die Bio-Bauern für Schwindler; chemisch-analytisch lasse sich ja gar nicht beweisen, dass ein Apfel aus biologischem Anbei stamme.

Ich hielt als Jungspund dagegen, der zunehmende Einsatz von Herbiziden und Pestiziden in der Landwirtschaft sei kein Renommé für Produkte aus konventionellem Anbau. Außerdem könne man die Bio-Bewegung nicht einfach abwürgen (was die Hardliner unter den Industriellen damals bezweckten).

Mein damaliger Chef, der Jurist Klaus Smolka, wurde nachdenklich. Auch Otto Riedl, Miteigentümer der Firma Manner und Obmann des Süßwarenverbandes in der Kammer, hörte sich die Argumente an.

Sie beförderten die Erkenntnis, dass gesetzliche Richtlinien für Bio-Produkte eine notwendige Voraussetzung seien, um „Waffengleichheit“ herzustellen. Sektionschef Herbert Pindur vom Gesundheitsministerium war auch dafür zu haben.

So kam es zur Gründung einer offiziellen Kommission zur Ausarbeitung von Bio-Richtlinien. Vom ersten Tag an war ich mit etwas Stolz und viel Elan dabei.

Für profil-Beitrag gestraft

In den späteren 1980-er Jahren schrieb ich für das Nachrichtenmagazin profil eine Serie mit dem Titel „Kammerstaat Österreich“. Kollegen hatten das Thema in der Redaktionskonferenz erörtert und da ich in einer Kammer tätig war, bot sich an, dass ich Autor der Geschichten sein solle. Die Wirtschaftskammer kam in meinem Artikel nicht ohne Kritik weg, die ich freilich sachlich begründet hatte.

Mein Chef Klaus Smolka hatte kein Problem damit. Aber der damalige Syndikus der Sektion Industrie in der Kammer war erbost und verfügte, dass ich ab sofort nicht mehr für das kammereigene Hernstein Institut für Unternehmensführung tätig sein dürfe.

Das brachte mich um lukrative Honorare für Seminare zur Einführung in den Gebrauch von Personal Computern für Topmanager und Handelsdelegierte (siehe den Beitrag „Kämmerer“).

Im Rückblick war es der einzige echte Maulkorb in meiner Kammerlaufbahn. Es hätte Anlass für mehrere gegeben.

ORF: Abgang aus Protest

Für den Hörfunk des ORF moderierte ich in den 1980-er Jahren zahlreiche Beiträge, vor allem die beliebte Live-Sendung „Von Tag zu Tag“, mit Interviews von Experten und mit Hörerinnen und Hörern am Telefon (ihr Nachfolger heißt gegenwärtig „Punkt 1“).

Über Jahre hinweg war die Zusammenarbeit im ORF wertschätzend, wenngleich nicht ohne Intrigen. Aber eines Tages ging das Gerücht um, dass die Honorare der freien Mitarbeiter im Hörfunk demnächst gekürzt werden sollten, und zwar kräftig. Ein auch von mir unterzeichnetes Schreiben an den Intendanten Ernst Grissemann brachte jedoch kein Ergebnis.

Am meisten ärgerte mich eine interne Mitteilung des Intendanten (die händischen Markierungen sind von mir eingefügt):

Ich beendete meine Tätigkeit für den Hörfunk aus eigenem Entschluss.

Dass mein Ausscheiden ein Zeichen von Protest sei, ließ ich im Hörfunk zwar verbreiten, aber es war dem ORF wurscht (wie nicht anders zu erwarten war).

Der „Sperrstunden-Töter“

Seit Mai 1990 war ich als Wirt unternehmerisch aktiv und mit dem Aufbau des Lokals „Schlossgasse 21“ beschäftigt (siehe Beitrag „Wirt“).

Im Frühsommer des Jahres 1997 stand im österreichischen Nationalrat eine Novelle zur Gewerbeordnung auf der Tagesordnung. Eine Woche vor dem Termin zur Abstimmung sickerte ein Vorhaben durch, das den heimischen Tourismus in Alarmbereitschaft versetzte:

Die Sperrstunde in Gast- und Schanigärten solle auf 20 Uhr verkürzt werden, wurde kolportiert.

Ich war fassungslos, nicht nur, weil ich im Gastgarten gute Umsätze erzielte, sondern weil eine Sperrstunde im Freien und vor Sonnenuntergang vollkommen unverhältnismäßig ist. Ich griff zum Telefon und rief meine Freunde in der Kammer an. Die wollten das Gerücht nicht glauben. Konkrete Vorschläge, was man dagegen tun könne, kamen keine. Es sei ja nur mehr eine Woche Zeit bis zur geplanten Beschlussfassung der Novelle, wurde argumentiert.

In der darauffolgenden Nacht – es war von Mittwoch auf Donnerstag – schlief ich wenig. Im Morgengrauen kam mir eine Idee. Gleich zu Dienstbeginn rief ich neuerlich in der Kammer an und fragte an, ob die Interessenvertretung eine Protestaktion unterstützen würde, wenn ich sie im Alleingang organisierte. Die Antwort kam wenig später und lautete „ja“.

Ich verfasste einen Protestbrief, recherchierte die Nummern aller Fax-Geräte im Bundeskanzleramt und schrieb sie in den Brief hinein (e-mails waren damals noch nicht verbreitet).

Ziel war es, den seit kurzem amtierenden SP-Kanzler Viktor Klima mit Protestfaxen zu überhäufen und so einen Meinungsumschwung herbeizuführen.

Am Nachmittag war die Aktion mit dem Fachverband für Gastronomie in der Bundeskammer akkordiert. Mein Schreiben wurde an alle Landeskammern mit dem Ersuchen um breite Weiterleitung an möglichst viele Gastronomen versandt; in einem Begleitschreiben wurden alle Wirte gebeten, das Protestfax an ihre Branchenkollegen weiterzugeben und außerdem Kopien anzufertigen, auf denen die Gäste unterschreiben sollten. Freitag und Samstag versandte ich zusätzlich hunderte Faxe an alle Gasthäuser und Restaurants aus, deren Nummern ich auch aus diversen Gastro-Führern abgeschrieben hatte. In Margareten wurden Berge von Kopien in andere Lokale verteilt.

Das Ergebnis: Montag und Dienstag waren alle Faxgeräte am Ballhausplatz lahmgelegt. Papierberge stapelten sich.

Und siehe da: Die Regierung schien umzuschwenken. Am Mittwoch wurde die Sperrstunde in der Novelle von 20 auf 22 Uhr ausgebessert, Sperrstunden nach 22 Uhr sollten im Einzelfall weiterhin zulässig sein.

Am Tag darauf kam der Bundeskanzler persönlich zu Besuch in die Schlossgasse 21. Ein Foto mit Viktor Klima und meiner Mitarbeiterin Martina erschien auf der Titelseite der Kronenzeitung.

Wenig später kamen der Kanzler und Wiens Bürgermeister Michael Häupl nochmals vorbei, wir tranken bis weit nach Sperrstunde guten italienischen Rotwein.

Michael Jeannée von der Kronenzeitung, für seine markanten Formulierungen berüchtigt, nannte mich fortan den „Sperrstunden-Töter“. Fast alle anderen Medien berichteten in großer Aufmachung. Ich freute mich und konnte zufrieden sein.

Im ORF wurde ich in der populären Sendung von Walter Schiejok interviewt, der sich damals als „Anwalt des kleinen Mannes“ profilitiert hatte; ich wusste, dass Lärmbelästigungen für die Anrainer daher ein Thema sein würden und ging ausführlich darauf ein:

Mein Freund und VP-Abgeordneter Günter Stummvoll berichtete mir von einem womöglich weiteren Grund für den Meinungsumschwung, der nicht an die Öffentlichkeit drang und den ich der guten Ordnung halber ergänze: Am Tag vor der Plenarsitzung im Nationalrat habe sich in politischen Kreisen herumgesprochen, so Stummvoll, dass der damalige FP-Chef Jörg Haider eine Brandrede mit folgender Aussage vorbereite: „Wenn jeder Türke im Hinterhof seines Wohnhauses bis zehn Uhr abends einen Hammel am Spieß braten darf, warum muss dann der brave Wirt nebenan seinen Garten schon um acht zusperren?“. Die Rede wurde nie gehalten, weil kein Anlass mehr dazu war.

Mit dem Schalk im Nacken

Ungewöhnliche und nicht selten werbewirksame Aktionen gab es nicht wenige in den 25 Jahren meiner aktiven Zeit als Wiener Wirt. Oft waren sie mit einer Portion Humor gewürzt. Als Beispiel sei eine Veranstaltung aus Anlass einer medial weltweit verbreiteten Prophezeihung des Astrologen und Propheten Nostradamus erwähnt, wonach die Welt im Jahr 1999 untergehen werde.

Was in diesem Jahr tatsächlich stattfand, war eine Sonnenfinsternis am 11. August.

Am Vorabend dieses Ereignisses lud ich zur „Nacht der Wahrsager“, unter anderen standen eine Astrologin, eine Kaffeesudleserin sowie ein Magier für die geladenen Stammgäste bereit. Grafiker Richard Donhauser entwarf eine dazu passende Einladung:

Kunst und gut

Kunst im Wirtshaus gehört für mich zum gastronomischen Alltag ebenso dazu wie das Engagement für wohltätige Zwecke. Man muss „über den Tellerrand schauen“, war und ist meine Deivse.

So organisierte ich eine Ausstellung von Skulpturen des berühmten Bildhauers Alfred Hrdlicka und einigen seiner Schüler.

Sie fand im Gastgarten des Silberwirt statt und trug den Titel „Konfrontation“.

Hrdlicka war bekennender Kommunist, aber einer mit Humor; er unterstützte die Aktion mit einem Augenzwinkern: Die Kunstausstellung wurde als Besetzung des Schlossquadrats durch die Künstler angekündigt.

Krone-Adabei Jeannée schrieb: „Szene-Wirt gegen Stammtisch-Gesudel“.

Künstlerische und politische Aktionen im Wirts- und Kaffeehaus zuzulassen, war mir wichtig, weil gastronomische Lokale mehr bieten sollen als gutes Essen und Trinken. Siehe den folgenden Überblick:

Aktion Stephansplatz

Jahre später organisierte ich mit meinem Stammgast und Freund Harry Kopietz einen Advent-Gag: Im Spätherbst des Jahres 2006 hatte die damalige Bezirksvorsteherin der Wiener City, Ursula Stenzel, die Genehmigung für den traditionellen Punschstand vor dem Stephansdom verweigert (zu diesem Anlass werden jedes Jahr Spenden für die Aktion „Rettet den Stephansdom“ gesammelt).

Beim nächsten Besuch von Harry Kopietz im Silberwirt sprachen wir darüber. Ich wusste, dass Kopietz für Stenzel ein – im wahrsten Sinn des Wortes – rotes Tuch war; sie nannte ihn damals den „Putin von Wien“.

Harry und ich beschlossen kurzerhand, den Stephansplatz von der City in den Innenhof der Schlossgasse 21 zu verlegen. Kopietz ließ eine riesige Fototafel vom Stephansdom anfertigen, die im Hof des Biedermeierhauses aufgestellt und beleuchtet wurde.

Anfang Dezember luden wir Freunde und Bekannte zur Eröffnung des Punschstandes – die Parteizugehörigkeit spielte ausnahmsweise keine Rolle, weil es um einen guten Zweck für das Wahrzeichen von Wien ging. Außerdem machte es Spaß, der City-Bezirksvorsteherin eins auszuwischen.

Am Abend der Eröffnung versammelte sich eine illustre Runde zum feierlichen Punschgenuss. Plötzlich wurde mir geflüstert: „Die Stenzel kommt!“ Wenig später stand sie dann tatsächlich da. Margaretens Bezirksvorsteher Kurt Wimmer gewährte seiner Kollegin vor laufender Kamera Asyl.

2006 wurden für „Rettet den Stephansdom“ 25.000 Euro gesammelt:

Das Sammeln von Spenden für einen guten Zweck war mir von Anfang an ein wichtiges Anliegen als Bürger und Unternehmer, weil beide nach meiner Überzeugung zur aktiven Teilhabe am öffentlichen Geschehen und zur Solidarität verpflichtet sind.

Manche Aktionen sind spontan entstanden. So führte ein außergewöhnliches Hochwasser Anfang der 2000-er Jahre zu Verwüstungen im niederösterreichischen Kamptal (wo ich meinen privaten Weinkeller hatte); der Kindergarten im nahe gelegenen Zöbing war vollkommen zerstört. Gemeinsam mit VP-Mandatar Günter Stummvoll und Winzer Willi Bründlmayer organisierten wir eine Spendenaktion, deren Erlös maßgeblich zum Wiederaufbau des Kindergartens beitrug.

Keine Mauern durchs Lokal!

Zwei Jahre später mobilisierte ich gegen ein grottenschlecht formuliertes Tabakgesetz, das eine räumliche Trennung größerer Gastlokale in Raucher- und Nichtraucherbereiche vorsah und größeren Lokalen damit erhebliche Baukosten aufhalste.

Ich wetterte vehement gegen die Errichtung von Mauern und die dadurch entstehende Zweiklassen-Gesellschaft von Rauchern und Nichtrauchern. Siehe die folgenden Interviews:

In einer Pressekonferenz wurde eine Verfassungsklage präsentiert. Das mediale Echo war beachtlich.

Und weil mir auch bei dieser Aktion der Schalk im Nacken saß, veranstaltete ich mit Magier Tony Rei das erste magische Raucher-Kabarett und kündigte die Uraufführung in der Trattoria Margareta an: Dompfarrer Tony Fumo weiht zu Beginn der Vorstellung feierlich den Nichtraucherraum, aber ein Teufelchen entführt dessen Ministrantin zu einer Raucherparty. Ein behördlicher Kontrollor tritt ein und straft die arme Wirtin, weil gerade geraucht wird, doch Kampfraucherin Tschick-Gitti wehrt sich dagegen, das Rauchen einzustellen. Magier Tony Rei zaubert schließlich rund ums Rauchen.

Die Vorstellung endet mit einer Wirtshaus-Hymne auf die Toleranz.

Rund zehn Jahre später zeigte sich, dass die Aktionen das Rauchverbot nur verzögern konnten. Seit 1. November 2019 ist Österreichs Gastronomie rauchfrei. Persönlich war ich nicht davon betroffen, weil ich schon lange vorher zu rauchen aufgehört hatte.

Gleichwohl bleibt als Frage aktuell, inwieweit der Staat in die im Grundgesetz verankerte Erwerbsfreiheit des Unternehmers eingreifen darf, nicht nur, um Nichtraucher vor den Gefahren eines „Passivrauchs“ zu schützen. Hier schließt sich der Kreis zu den eingangs erwähnten militanten Gegnern einer staatlich verordneten Impfpflicht und der immer wieder aufs Neue umstrittene Frage, wo die Freiheit des einen endet und die des anderen beginnt.

Ich schließe dieses Kapitel mit einem urösterreichischen Zitat: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst“. Weil das in Wien nicht nur so hingesagt, sondern  auch so gelebt wird, dürfte das folgende Plakat ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit bei den Gästen vom Schlossquadrat erregt haben.

Anlass war eine unüblich lange – und für mich als Wirt geschäftsschädigende – Sperre der gesamten Schlossgasse wegen Straßenbauarbeiten: