Kämmerer

Mit Süßwarenchef Otto Riedl (Fa. Manner)

Wer vorwärts will und ohne jammern,
der schafft das auch in Wirtschaftskammern.

Als im Herbst  1977 ein Job in der Wirtschaftskammer in Aussicht war, wusste ich nicht genau, was mich erwarten würde. Ich hatte mit meinem künftigen Chef, Dr. Klaus Smolka, zwar ein ausführliches Gespräch geführt. Es war auf Empfehlung von Raoul Kneucker zustande gekommen, der ihn gut kannte.

Aber wie würde mein Arbeitstag in der Praxis aussehen?

Der Vertrag sah vor, dass ich am 1. März 1978  eine Probezeit im Nahrungsmittelverband beginnen sollte:

 

Die Verlängerung des Vertrags erwies sich als Formsache, ich hatte allerdings noch die Fachprüfung für den sogenannten Konzeptsdienst zu absolvieren, bei der man über das System der Kammerorganisation, Grundlagen des Gewerberechts u.a. befragt wurde. Die Prüfung bestand ich im November 1979.

Was macht ein Chemiker
als Referent für Lebensmittelrecht?

1978 liefen Verhandlungen mit dem Gesundheitsministerium und den Sozialpartnern an, in denen über die Zulässigkeit von Zusatzstoffen in Lebensmitteln debattiert, manchmal auch gestritten wurde. Basis war ein neues Lebensmittelgesetz, das 1975 in Kraft getreten war.

Da ging es um Farbstoffe, Emulgatoren, Stabilisatoren, lauter chemische Substanzen, zumeist solche mit den berühmten „E“-Nummern. Für diese war chemisches Wissen genauso wichtig wie die Kenntnis von Paragraphen (bei letzteren war Klaus Smolka sowieso am besten bewandert).

Außerdem stand die Lebensmittelindustrie im Kreuzfeuer öffentlicher Kritik. Das war an sich nichts Neues, denn schon im 19. Jahrhundert war gegen Konserven gewettert worden, Industriekost sei schädlich und daher pfui Teufel. In neuerer Zeit stellte man dann auch noch die Schadstoffe im Essen an den Pranger. Die Hersteller waren in der Defensive.

Zugleich erstarkten Reformbewegungen. Die sogenannte Vollwertkost wurde als Inbegriff des Guten gepriesen.

An dieser Front für kühlen Kopf und harte Fakten zu sorgen, war schwierig. Zu Beginn meiner Tätigkeit gab es die Österreichische Gesellschaft für Ernährungsforschung, die Kontakte zu einschlägigen Wissenschaftern pflegte und eine Zeitschrift herausgab. In der Öffentlichkeit wurde kaum Notiz davon genommen.

Die mit meinem Job verbundene Vielfalt war beachtlich, denn der Fachverband gliederte sich in zahlreiche verschiedene Branchen, von den alkoholfreien Getränken über Fisch, Fleisch, Gewürze, Spirituosen bis zur Zuckerindustrie. Für jede dieser Branchen waren eigene Mitarbeiter zuständig, die „ihre“ Hersteller zu betreuen hatten, die aber oft unterschiedlicher Meinungen waren. Sie alle unter einen Hut zu bringen und auf diese Weise die vielfältige Kritik an allem zu zerstreuen, was irgendwie nach Industrie roch, schien ein Ding der Unmöglichkeit.

Mit Martin Pecher, Obmann des Fachverbandes für Nahrungs- und Genussmittelindustrie in der Bundeswirtschaftskammer und Eigentümer der Firma Inzersdorfer

Es verlangte zwar niemand von mir, Werbekampagnen zur Schönfärberei von Industrieprodukten zu unterstützen; ich hätte derlei Ansinnen abgelehnt. Das wäre mit meinen Jobs für profil und den ORF unvereinbar gewesen, die ich zur gleichen Zeit hatte (siehe „Autor“). Dennoch war jede Aussage zu Lebensmitteln und Ernährung eine Gratwanderung.

Die meisten (aber nicht alle) Vertreter der Hersteller waren froh über meine öffentlichen Auftritte, die sich an den Grundsatz „Sagen, was ist“ hielt (so lautet der Grundsatz von Rudolf Augstein, des legendären Gründers vom deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel).

Kontroversen um das Färben von Lebensmitteln.

Viele Tücken lagen im Detail. Das erfuhr ich bald nach meinem Dienstantritt in der Zaunergasse. Ich hatte einen überraschend großen Katalog von Farbstoffen zu beschreiben und zu beurteilen. Die Vertreter der Industrie wollten möglichst viele künstliche Farbstoffe einsetzen dürfen, die Konsumentenschützer verweigerten alle.

Aus diesen kontroversiellen Standpunkten formulierte ich programmatisch den folgenden Grundsatz (detaillierte Ausführungen sind im nachstehenden Link zu lesen): „Dem Gesetzgeber obliegt es . . . , . . .  Maßnahmen zur Verhinderung einer Überfärbung vorzusehen sowie Farbstoffe, deren Gesundheitsschädlichkeit erwiesen ist, von den Zulassungslisten auszunehmen . . . Der leicht emotionalisierte Fanatiker oder geistige Grenzproduzent kann nicht Maßstab für Gesetze sein“.

Fachartikel Lebensmittelfarbstoffe

Der Kammerjob gefielt mir besser als erwartet. Smolka gewährte mir viel Freiraum, wir diskutierten grundsätzliche Fragen und waren nicht immer einer Meinung, aber es zählte das Ergebnis.

Von links: Klaus Smolka, Ehefrau des damaligen Präsidenten der Ernährungsgesellschaft ÖGE
und rechts der Physiologieprofessor Wilhelm Auerswald von der Universität Wien. 

In lebhafter Erinnerung ist mir eine stundenlange Verhandlung über die Farbstoffverordnung im Gesundheitsministerium. Sie fand nahe vom Wurstelprater statt, einer baulich vernachlässigten Depandance des Ressorts. Von der Firma Unilever hatten wir verschiedene Sorten von Speiseeis als Beleg fürs Färben besorgt.

Anwesend waren unter anderen der weithin gefürchtete „Lebensmittelpapst“ DDr. Friedrich Petuely von der Bundesanstalt für Lebensmitteluntersuchung und sein Wiener Pendant Dr. Alfred Psota. Beide kosteten das Eis, vor allem der zweitgenannte, und aßen im Zuge der Diskussion fast alles auf.

Die streitvollen Szenen beeindruckten mich so, dass ich daraus den Entwurf zu einem Theaterstück machte (eigentlich war es kein Theaterstück, denn die Gespräche trugen sich ziemlich genauso zu wie beschrieben, nur der Traum im Nachspiel des Textes war erfunden).

Klaus Smolka schickte mir den Entwurf mit dem Vermerk retour: „Selten so viel gelacht!“ Eigentlich wollte ich, dass der Beitrag, unter Umständen in gekürzter Form, in der „Pikiernadel“ erscheint – das war eine kritisch-sarkastische Kolummne in der Monatszeitschrift „ernährung“, die damals meist von Otto Riedl (Obmann des Süßwarenverbandes und Miteigentümer von Manner, siehe Bild ganz oben) verfasst wurde.

Aber leider kam es nicht dazu. Die Fronten im Streit ums Färben schienen so festgefahren, dass man den Jux nicht riskieren wollte. Schade.

Theaterstück zur Farbstoff VO

Eine Palme fürs  Palais

Der oben genannte Nahrungsmittelverband befindet sich in der Zaunergasse 1-3 und ist ein stattlicher neoklassizistischer Bau, das Palais Fanto, benannt nach einem Ölmillionär aus Galizien. Später war es Sitz des österreichischen Branntweinmonopols und auch des Arnold Schönberg Centers.

Ich bekam ein eigenes, geräumiges Büro mit hohen Räumen und gediegenem Interieur. Aber es fehlte mir was Grünes. In der Bundesgärtnerei beim Schloss Belvedere kaufte ich eine Palme, die mein ganzes Berufsleben begleiten sollte. Derzeit steht sie in meinem Büro am Margaretenplatz 2, sie wird also inzwischen über 50 Jahre alt geworden sein.

Zum ersten Mal in meinem Leben war mir damals eine Sekretärin zugeteilt. Ich „übernahm“ sie von meinem Vorgänger, Dr. Hermann Gruber. Er hatte als studierter Jurist die Agenden des Lebensmittgesetzes 1975 wahrgenommen und übersiedelte in den Verband der Brauereien.

So war die Stelle eines Referenten für Lebensmittelrecht vakant geworden. Schon nach einem Jahr weitete sich das Arbeitsgebiet in mehreren Richtungen aus.

Äthanol aus Biomasse

Im Jahr 1979 vertiefte sich die öffentliche Diskussion, ob Erzeugung und Beimischung von „Biosprit“ (etwa aus Zuckerrüben gewonnener Alkohol) zum Benzin sinnvoll sei – das Thema wurde durch die Folgen der Ölkrise 1973 und Warnungen vor einer baldigen Verknappung fossiler Brennstoffe befeuert. Brasilien galt damals als Vorbild für den Einsatz von Biosprit.

Damals arbeitete ein Freund, Christian Thalhammer, im Bundesministerium für Handel, Gewerbe und Industrie. Ich bot ihm an, eine Literaturstudie zu erstellen. Wenig später kam der Auftrag.

Die Arbeit für das Handelsministerium war im August 1979 fertig:

Äthanol aus Biomasse

Richtlinien für biologischen Landbau

Wichtiger als die Gewinnung von Treibstoff aus Lebensmitteln war mir der biologische Landbau: Die meisten gewerblichen Lebensmittelhersteller sahen die Bio-Bauern und ihre als gesund angepriesenen Produkte als „Schmutz-Konkurrenz“: Wenn diese Erzeugnisse alle so gesund seien, wie in den Medien häufig berichtet wurde, dann hieß das ja im Umkehrschluss, dass industrielle Produkte minderwertig, wenn nicht sogar gesundheitsschädlich seien.

Heutzutage sind viele, auch große Erzeuger auf den Zug aufgesprungen, aber das war Anfang der 1980-er Jahre noch unvorstellbar.

Klaus Smolka, Otto Riedl und ich diskutierten, was man tun könne.

Ich hielt es für chancenlos, nur abwehrend zu argumentieren, dass Bioprodukte ja auch nicht „gesünder“ seien als konventionelle und dass es vielmehr darauf ankomme, was man esse und wieviel.

Natürlich wäre auch eine Medienkampagne mit der Botschaft möglich gewesen, dass man sich mit Bioprodukten genauso falsch ernähren kann wie mit konventionellen, aber die Medien und Verbraucher hätten das wahrscheinlich ignoriert.

„If you can’t beat them, join them“, war mein Vorschlag.

Meine Argumente beförderten eine Wende: es sollten gesetzliche Regeln für biologische Produkte ausgearbeitet werden, um „Waffengleichheit“ mit konventionellen Erzeugnissen herzustellen.

So kam es zur europaweit ersten Kommission für biologischen Landbau, sie war im Gesundheitsministerium angesiedelt:

Mehr als zehn Jahre lang saß ich in der Bio-Kommission. Die Vertreter der Lebensmitteluntersuchungsanstalten und der Arbeiterkammer (unter anderen vertreten durch Renate Brauner) wunderten sich, dass ich als Vertreter der Lebensmittelwirtschaft gar nicht dagegen wetterte, sondern im Gegenteil für solche Richtlinien eintrat und den Grundsatz möglichst geschlossener Betriebskreisläufe teilte.

Am „Verhindern“ war zunächst Otto Steineck, Professor für Pflanzenbauwissenschaft an der Hochschule für Bodenkultur (er hieß auch „Düngemittelpapst“, weil  leicht lösliche Mineraldünger für ihn das Maß aller Dinge in der Landwirtschaft waren).

Friedrich Petuely von der Bundesanstalt für Lebensmitteluntersuchung und -forschung argumentierte anders, war aber auch ablehnend: „Solange ich beim Endprodukt nicht analytisch nachweisen kann, ob es Bio ist oder nicht, halte ich von solchen Richtlinien nichts“.

Als Analytiker hatte Petuely natürlich recht. Der von ihm geforderte Nachweis im Endprodukt lässt sich bis heute nicht erbringen. Aber darum ging und geht es nicht: Biologischer Landbau steht für eine umweltschonende Ausrichtung der Anbaumethoden, die ohne Mineraldünger, Herbizide und Pestizide auskommen. Allein dafür sind viele Verbraucher bereit, mehr zu zahlen.

Petuely war das natürlich auch klar, aber wenn man „anders angebaute“ Erzeugnisse bei der Probeziehung im Supermarkt schon nicht analysieren kann, dann muss statt dessen ein anderes Kontrollverfahren her: Beispielsweise eine lückenlose Kontrolle der Bio-Produkte vom Erzeuger – über den Händler oder direkt – zum Verbraucher. Das schien für Petuely nicht machbar.

Mit dieser Skepsis war er nicht allein – viele andere hielten die dazu nötige Umorganisation des Groß- und Einzelhandels für kaum oder gar nicht umsetzbar. Heute ist weitgehend unumstritten: Ja, es geht doch.

Solange die oben genannten beiden Herren in der Bio-Kommission saßen, ging nichts weiter. Immerhin hatten die anderen Anwesenden in dieser Phase Gelegenheit, mögliche Ansätze abzuchecken und Experten anzuhören.

Erst als Steineck und Petuely ausgeschieden waren, kam Bewegung in die Sache. Die ersten Richtlinien für pflanzliche Produktionsmethoden wurden am 11. März 1985 beschlossen, für daraus erzeugte Folgeprodukte im Jahr 1989.

In der Zwischenzeit war mein Angestelltenvertrag mit der Bundeswirtschaftskammer durch einen Konsulentenvertrag mit dem Forschungsinstitut der Ernährungswirtschaft im 19. Bezirk ersetzt worden.

So konnte ich meine Mitarbeit in den Codex-Kommissionen für biologische Lebensmittel, später für Schadstoffe in Lebensmitteln und in der Arbeitsgruppe für Vitaminisierung noch bis in die 1990-er Jahre fortsetzen – siehe die Dokumente in folgendem Link.

ff Konsulent

Im Jahr 1984 bedankte ich mich bei Dr. Herbert Reiger von der Präsidialabteilung für die Unterstützung meiner Aktivitäten als Angestellter der Kammer.

Korr Herbert Reiger

Disput ums Übergewicht

Aber nochmals zurück zum Start meines Kammerjobs: Im Jahr 1979 zündete ich eine Kontroverse über den Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Lebenserwartung an.

Aufwendige Statistiken von US-amerikanischen Lebensversicherungsgesellschaften hatten damals ergeben, dass Idealgewichtige gar nicht die höchste Lebenserwartung haben, wie bisher als erwiesen galt, und dass die bei -zig Millionen US-Amerikanern ermittelte Lebenserwartung erst ab ausgeprägtem  Übergewicht sinkt.

Ein von mir verfasstes Dossier in der angesehenen Hamburger DIE ZEIT bewirkte ein enormes Echo. Mehrere deutsche Ärzte und Ernährungswissenschafter fielen über mich her. Ich hatte es gewagt, ein seit Jahren etabliertes Credo der Schulwissenschaft infrage zu stellen.

Zeit-Dossier Das freudlose Fressen Fachartikel Ursachen der Fettsucht Die heftigen Reaktionen

Schulbuch und Symposien

Inzwischen schrieb ich auch an einem Buch über Nahrung, Ernährung und Gesundheit. Die Approbation des Manuskripts als Schulbuch wurde vom  Bundesministerium für Unterricht 1981 erteilt, das Buch erschien ein Jahr später im Molden-Verlag.

Es war eine wichtige Etappe in meiner Arbeit für den Nahrungsmittelverband, zumal das Buch in zahlreichen Auflagen weiter gedruckt wurde. 1990 erschien es als inhaltlich unveränderte Neuauflage im Manz-Verlag.

Anm: Erst viel später entdeckte ich, dass der Verlag im Jahr 2002 ein Buch mit dem Titel „Ernährungslehre“ und dem Untertitel „Nahrung, Ernährung, Gesundheit“ veröffentlicht hatte, das neben meinem Namen als Autor eine Frau Mag. Monika Fröschl nannte, die ich nicht kenne: Man hatte mein Konzept genommen, den Inhalt deutlich verändert und mich ohne zu fragen als Autor genannt. Damals gab’s noch keine Plagiatsjäger.

So sah der Cover der ersten Auflage aus.
Und hier der Text im Original:

Buch Ernährungslehre

Zu Ernährungsthemen organisierte ich außerdem zwei Symposien: Das eine beschäftigte sich mit Ernährungserhebungen, wie man am besten herausfindet, wer was isst und trinkt und warum und wie die Haushaltserhebungen des Statistischen Zentralamts verbessert werden könnten.

Die Ergebnisse wurden im Maudrich-Verlag veröffentlicht.

Das Buch war als Vorstufe für einen Österreichischen Ernährungsbericht gedacht (in Analogie zu Deutschland, wo ein solcher regelmäßig erscheint, zuletzt 2020). Ich bekam vom damaligen Gesundheitsminister Kurt Steyrer den Auftrag für eine Literaturstudie. Sie wurde 1982 veröffentlicht, nachstehend eine Zusammenfassung:

Österreichischer Ernährungsbericht

Auf das Thema Ernährungserhebungen folgte ein zweites Symposium mit dem Titel „Ernährungswissenschaft und Öffentlichkeit“:

Herausgeber waren Wilhelm Auerswald und ich. Auerswald war Vorstand des Instituts für Physiologie an der Universität Wien und unterstützte meine Aktivitäten nach Kräften.

Oft rief er mich vor 7 Uhr in der Früh an und wollte über Neuigkeiten des Tages diskutieren, die er den Medien gerade entnommen hatte. Oft konnte ich nicht mitreden, weil ich noch schlaftrunken im Bett lag.

Leider ist Auerswald viel zu früh verstorben. Nachstehend ein Foto aus dem Jahr 1980.

mit Physiologe Wilhelm Auerswald

1984 erschien im Piper-Verlag ein weiteres Buch mit dem Titel„Diät – aber wie?“. Darin setzte ich mich kritisch mit mehr oder weniger skurillen Diätaposteln auseinander.

Von Lebensmittelrecht zur Informationstechnik

Zu Lebensmittelrecht und Ernährungsforschung kamen in den 1980-er Jahren noch drei weitere, anders gelagerte Aufgaben auf mich zu.
Sie leiteten eine Wende in meinem Job als Kämmerer ein.
Ich organisierte

  • Seminare über die Verwendung von Personal Computern für Top-Manager und Handelsdelegierte am Hernstein Institut für Unternehmensführung;
  • ein Forschungsprojekt zum Aufbau von Informationsvermittlungen und ein
  • Pilotprojekt für einen Datenverbund europäischer Handelskammern.

Dass sich mein Job als Referent für Lebensmittelrecht so entwickelte, war weder geplant noch vorauszusehen. Für Computertechnik hatte ich mich zwar aus eigenem Antrieb interessiert, aber dass das so gewonnene Knowhow zu so vielen neuen Angeboten führte, überraschte und freute mich – und ich ergriff die neuen Chancen.

Computerseminare

Seit Ende der 1970-er Jahre beschäftigte ich mich intensiv mit Computern. Das Thema war hochaktuell, die wenigsten kannten sich aus.

Im Nachrichtenmagazin profil begann ich mit zahlreichen Tests von EDV-Hardware und Software (siehe „Autor“). Wenig später galt ich als „Fachmann“ (der ich nicht war).

Gemeinsam mit meinem Mitarbeiter Alois Göschl veranstaltete ich Seminare am Hernstein Institut für Unternehmensführung, sie liefen unter dem Titel „Der Personal Computer für Top-Manager“. Den Wirtschaftsbossen sollte klar werden, dass sie sich selbst mit den neuen Technologien auseinandersetzen und die Aufgabe nicht an Sekretäre und Sekretärinnen delegieren sollten.

Der Zuspruch war groß, in vielen Fällen war es jedoch nicht einfach, die Hemmschwellen bei den Unternehmern zu überwinden. Einer der Gründe dafür war, dass nicht wenige Firmenchefs mit einer Tastatur nicht umgehen konnten (oder wollten) . . .

Später adaptierten wir die Seminare für Handelsdelegierte der Bundeswirtschaftskammer. Sie liefen viel produktiver, weil die Teilnehmer mühelos tippen konnten und aufgeschlossen waren; für sie kam auch noch das Interesse an online Datenbanken hinzu, die ebenfalls Thema in den Vorträgen waren.

Seminare Hernstein

Je mehr Extra-Jobs ich bekam, desto seltener war ich im Büro des Nahrungsmittelverbandes anwesend. Klaus Smolka hatte meine Eskapaden nicht nur zugelassen, sondern gut geheißen – aber irgendwie wurde schrittweise klar, dass er mich nicht werde halten können. Immerhin  war ich in Sachen Ernährung sehr aktiv gewesen und hatte die Basis für künftige Entwicklungen gelegt. Einen Teil der Agenden führte ich noch bis in die 1990-er Jahre fort.

Fachinformationsführer

1980 beauftragte mich Dr. Otto A. Simmler, Ministerialrat im Bundeskanzleramt, mit einem Projekt, das „Fachinformationssystem Ernährung“ genannt wurde. Der 260 Seiten lange Bericht erschien im August 1981 in hektografiertem Format. Simmler wollte im Rahmen eines deutsch-österreichischen Gemeinschaftsprojekts das sogenannte IVS-Modell aufbauen (IVS steht für Informationsvermittlungsstellen).

Fachinformationssystem Ernährung

Es sollten „Drehscheiben“ für verschiedene Fachrichtungen aufgebaut werden und als Vorstufe für die Arbeit mit online-Datenbanken dienen.

Nach dem Pilotprojekt Ernährung begann ich mit der Arbeit an weiteren Fachinformationsführern, unter anderen über Medizin, Lebensmittel- und Agrarwissenschaften sowie Umweltschutz.

Sie wurden vom Wissenschaftsministerium finanziert und im Böhlau Verlag veröffentlicht (Mitarbeiter waren unter anderen Oliver Dworak, Hans Mosser, Wolfgang Preinsperger und Franz Tomandl):

In dieser Zeit hatte ich zusätzlich zu meinen beiden Büros im Nahrungsmittelverband und in der Gartengasse (siehe „Autor“) noch eine drittes, sehr nobles Büro im ersten Stock des Palais Porcia nahe der Freyung. Dort war eine Ludwig Boltzmann Forschungsstelle mit dem umständlichen Namen „für informationstechnologische Systemforschung“ (abgekürzt LIT) eingemietet, deren Leiter der oben genannte Otto A. Simmler war.

Die Aufbauarbeit hatte keine bleibende Wirkung. Das Bibliothekswesen blieb so, wie es immer schon war. Die treibenden Kräfte der online-Technologie dagegen kamen aus den USA und sollten  das weitere Geschehen dominieren.

Im Jahr 1989 entstand die Vorstufe des heutigen Internet. Im Rückblick war es wie eine mächtige Dampfwalze, die über die viel zu wenig ambitionierten europäischen Aufbauversuche hinweg fegte und globale Datenkraken etablierte, die sich bis heute fest in den Händen von US-Eigentümern befinden.

Dagegen hatten auch heimische Erfindungen wie das MUPID (ein bildschirmtextfähiges multifunktionales Terminal) keine Chance, 1983 wurde zwar eine Firma zur Vermarktung des Geräts gegründet, aber bereits 1989 war das mit viel TamTam gefeierte österreichische Modell Geschichte.

Erfolgreicher sollte das ebenfalls im Bundeskanzleramt entwickelte Rechtsinformationssystem werden, das heute unter www.ris.bka.gv.at zum unverzichtbaren Bestandteil der heimischen Juristerei zählt. Im Unterschied zu den IVS-Projekten Simmlers konzentrierte sich das RIS auf österreichische Rechtsquellen und erlangte in dieser regionalen Nische ein Quasi-Monopol. Für die USA war sie nicht von Interesse.

Dagegen waren die IVS-Projekte auf wissenschaftlich-technische Bereiche und global ausgerichtet – sie hatten gegen die US-Dominanz keine Chance.

Damals war außerdem unvorstellbar, dass es eines Tages Google geben würde, das jedem erlaubt, mittels Mobiltelefon weltweit Daten abzufragen. Spätestens damit wären IVS-Zentren obsolet gewesen.

Ende der 1970-er Jahre dürfte ich in Wien der erste und einzige Private gewesen sein, der den Zugang zu Datenbanken des DIALOG Online Search Systems in Palo Alto, Kalifornien hatte und das auch aktiv vermarktete.

So waren beispielsweise Recherchen in „Medline“ möglich, einer Datenbank über medizinische Forschungsarbeiten; sie bot noch keinen Volltext (das hätte die damals noch beschränkte Kapazität im Datentransfer überfordert), sondern man gab Deskriptoren ein und erhielt Hinweise auf gedruckte Fundstellen (die man dann in einer herkömmlichen Bibliothek ausheben musste).

Der Leitungskontakt lief über die Radio Austria AG (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Radiosender), die seit 1979 ihren Sitz in der Wiedner Hauptstraße hatte, nahe von meinem Büro in der Gartengasse.

In Brüssel: Europäischer Datenverbund

1982 kam ein weiteres ambitioniertes Projekt auf mich zu: Mag. Helge Schöner von der Außenhandelsabteilung der Wirtschaftskammer war damals der österreichische Verbindungsmann für ein EDV-gestützten Datenverbundsystem europäischer Handelskammern und schlug vor, dass ich das Projekt als Manager betreuen und umsetzen solle.

Dementsprechend oft gab es Sitzungen im Brüsseler Hauptquartier. Es war in der Abteilung DG III/B/1 der Europäischen Kommission (korrekt: ihres Vorläufers) angesiedelt und sollte die europäische Informationsindustrie unterstützen, als Gegengewicht zu den USA.

Zunächst erstellte ich detaillierte Berichte über Kammerorganisationen in Europa, von Italien (Padua) bis England (London), die ich alle vor Ort besuchte und befragte: Welche Rechner verwenden sie? Was für Telekommunikationseinrichtungen sind vorhanden? Welche Daten der Mitgliedunternehmen werden gesammelt? In welchem Dateiformat?

Es stellte sich heraus, wie zu erwarten war: Jede Kammer hatte ihr eigenes System und wollte daran festhalten. In Brüssel begann eine kontroverse Diskussion zur weiteren Strategie: Die einen sagten, ein Verbundsystem mit den existierenden Daten sei zwecklos, weil zu kompliziert, die anderen meinten, man müsse von der Pieke auf eine neue Datenbank errichten und die Kammern sollten es nachher implementieren.

Nach längerer Debatte wurde für einen technischen Versuch auf Basis der etablierten Systeme entschieden. Eine Standleitung zwischen Wien und Padua wurde errichtet und so gelang wenigstens ein erster, modellhafter Verbund zwischen italienischen und österreichischen Datenbanken.

Ähnlich wie die Versuche mit den IVS-Stellen Simmlers verlief auch das Brüsseler Projekt bald im Sande. Die Diskussionen mit den Beamten in Brüssel waren mühsam und unproduktiv, unternehmerischer Elan fehlte.

Geblieben sind für mich
– lebhafte Eindrücke aus verschiedenen Ländern und Kulturen, intensive Gesprächen mit Fachleuten in verschiedenen Sprachen und Mentalitäten sowie eine rege Reisetätigkeit, an der ich sowieso Freude hatte,
– die unerfreuliche Erkenntnis, dass Europa bereits in den 1980-er Jahren die Chance verpasste, den Anschluss an die internationale Entwicklung in der Informationstechnologie zu schaffen. Daraus ist inzwischen ein hoffnungsloser Rückstand geworden.

Diese Phase markiert im übrigen eine berufliche Wende in meinem Leben: 1984 hatte ich mich für den Posten eines Wissenschaftsattachés an der österreichischen Botschaft in Washington beworben; damit sollte der Transfer von US-Technologie nach Österreich verbessert werden. Dieser Job wäre genau auf der strategischen Linie der Projekte gelegen, die ich zuvor beschrieben habe.

Aber im letzten Moment wurde einem anderen Kandidaten der Vorzug gegeben. Ich war maßlos enttäuscht.

Vom Kämmerer zum Wirt

Die Erfahrungen mit dem IVS-Projekt und dem europäischen Datenverbund und dann noch die Absage aus Washington veranlassten mich, eine Karriere im Bereich der öffentlichen Verwaltung und der Kammerorganisation nicht weiter anzustreben.

Statt dessen rückte der Gedanke an die Selbständigkeit näher. Im Fokus stand zunächst das Verlagswesen.

Der Erb-Verlag wäre ein Kandidat gewesen.

Mit Direktor Reinhard Krepler (den ich seit meiner Zeit als Studentenvertreter kannte) verhandelte ich über eine AKH-Zeitung.

Später plante ich mit Geschäftsführer Günter Enickl vom trend-profil-Verlag eine Zeitschrift mit dem Arbeitstitel uni-trend. Ich wollte das neue Printmedium in Kooperation mit dem Verlag eigenverantwortlich betreuen. Zu diesem Vorhaben sind im nachfolgenden Link Auszüge aus meinem Tagebuch zu lesen.

Projekt Studentenzeitung

Es wurde nichts aus den Projekten, schade.

Dass ich statt dessen im Jahr 1990 mein erstes Beisel eröffnen und über zwanzig Jahre lang mit Lokalen expandieren würde, hätte ich im Jahr 1985 noch für unmöglich gehalten.

Wie es dazu kam, ist im Kapitel „Wirt“ nachzulesen.