Musiker

Foto: Herbert Lehmann

Ein Leben ohne Musik
ist wie ein Glas ohne Wein.

„Musik: Atmung der Seele“? So wollte ich den Titel dieses Berichts nennen. Aber dann klang er mir zu pathetisch, und Pathos ist nicht meins. Zumal ich nicht angeben kann, was die Seele ist, wo sie sich befindet (und ob es sie überhaupt gibt).

Die neue Überschrift habe ich gewählt, weil ich gern musiziere und gern Wein trinke. Beides beeinflusst die Stimmung. Wenn ich in schlechter Verfassung oder verzagt bin, dann setze ich mich ans Klavier und lasse die Finger auf meinem alten Steinway spielen. Es läuft zumeist von allein, Noten würden stören. Oft erklingen Töne in Moll. Aber fast immer fühle ich mich nachher wohler.

In Wien spielt jeder mit Talent,
aus Lebenslust ein Instrument.

Die Lust am Improvisieren habe ich wahrscheinlich vom Vater. Er hatte während der zwei Weltkriege des 20. Jahrhunderts als Barpianist gearbeitet.

Musik war für ihn wichtig, und so lag es auf der Hand, dass mein älterer Bruder und ich Klavier lernten.

Mit acht Jahren ging ich zu Clara Reganzini-Guttmann in den privaten Unterricht im Hochhaus der Herrengasse. Sie war Schülerin des Wiener Künstlers Friedrich Gulda und versuchte mir beizubringen, wie man Klaviertasten richtig anschlägt.

Wichtig war ihr vor allem, von den Tasten weg und nicht in sie hinein zu spielen. Darin lag für Reganzini das Geheimnis eines plastisch klingenden Anschlags (zum Beleg dafür braucht man nur aufmerksam eine CD ihres Lehrers Gulda zu hören, auf der er etwa Bach oder Mozart spielt).

Immer wieder schrieb Reganzini „Finger gut heben“ in mein Unterrichtsheft:

Mitte der 1960-er Jahre wechselte ich zum Pianisten Hans Petermandl an die Akademie für Musik und Darstellende Kunst, blieb jedoch nicht lange, weil der Lehrer nach Graz ging.

Der Zufall führte mich zu Hilde Langer-Rühl. Nach meinen Aufzeichnungen unterrichtete sie mich von 1969 bis 1973 im Fach Atem- und Stimmkunde für Pianisten, danach war ich noch einige Jahre lang privat in ihrer Wohnung im Schloss Hetzendorf zur Weiterbildung. Ich habe ihr viel zu verdanken, etwa bei der Arbeit an den letzten Sonaten von Franz Schubert.

Vor allem aber lehrte sie mich zu begreifen und umzusetzen, was das Musizieren mit der Atmung zu tun hat. Nach Auffassung von Langer-Rühl sollten musikalische Impulse vom Zwerchfell ausgehen, also genau von dort, wo die antiken Griechen den Sitz der Seele verorteten. So erklärt sich übrigens der ursprünglich geplant gewesene Titel dieses Berichts.

Violoncello:
Eigenwilliger Entschluss

Mit zehn Jahren  wollte ich Violoncello lernen. Wie ich auf die Idee kam, weiß ich nicht mehr. Es dürfte spontan gewesen sein. Zumindest kann ich nicht erinnern, dass mir das Instrument eingeredet wurde.

Die Mutter vermittelte den Kontakt zu Tobias Kühne, der Professor an der Musikakademie war und beim französischen Cellisten André Navarra gelernt hatte. Er befand, dass meine Hände noch zu klein seien („zu kleen“ sagte er, denn er stammt aus Berlin); ich hätte auf einem „halben“ Cello beginnen müssen, die spätere Umstellung auf ein normal großes Instrument sei oft mit Schwierigkeiten verbunden und koste Zeit, argumentierte er.

Also ging ich einstweilen zu Wilhelm Winkler ans Konservatorium der Stadt Wien.

Im Jahr 1963 kehrte ich zu Tobias Kühne zurück, bestand die Aufnahmeprüfung und wurde zum Studium im Konzertfach Violoncello an der Musikakademie zugelassen:

Folgendes Bild zeigt den jungen Cellisten im Jahr 1963 – man erkennt noch die „Wiener“ Bogenhaltung aus der Schule von Wilhelm Winkler (siehe dazu weiter unten):

Aus diesem Jahr datieren übrigens meine ersten und einzigen Versuche zu komponieren. Mein Opus 2 sollte eine Fantasie für Klavier und Orchester werden, aber sie blieb weitgehend unvollendet.

Versuchskaninchen
im Musikgymnasium

Im Herbst 1964 begann ich die 5-jährige Oberstufe am Gymnasium für Studierende der Musik in der Wasagasse. Sie dauerte ein Jahr länger als normal, weil alle Nebenfächer, die Studierende der Akademie oder des Konservatoriums zu absolvieren haben, im Gymnasium unterrichtet wurden; dafür waren fünf Stunden Musik pro Woche nötig, Unterricht an Nachmittagen sollte es auch nicht geben.

Auf diese Weise sollten junge Musiker neben dem aufwendigen täglichen Üben ihres Instruments auch die Matura absolvieren können (was zuvor die wenigsten Profi-Musiker geschafft hatten).

Die Geigerin Roswitha Randacher beispielsweise, die meine Klasse besuchte und als Wunderkind galt, übte mehr als vier Stunden pro Tag. Denn ohne hartes Training hat man keine gute Chance auf eine erfolgreiche Laufbahn als Solist. Eine solche Karriere wollte ich ursprünglich zwar auch, aber die Anforderungen waren dann doch deutlich härter als ich erwartet hatte.

Gleichwohl versuchte ich mich als Gymnasiast auch an schwierigen Stücken der Musikliteratur, dazu einige Tondokumente, die ich in den 1960-er Jahr aufgenommen und 2022 digitalisiert habe, es handelt sich durchweg um Live-Mitschnitte von privaten Hauskonzerten, bei denen mich meistens Carlos Rivera Aguilar am Klavier begleitet hat.

Das Tonbandgerät hab ich selber ein- und ausgeschaltet, nachbearbeitet wurden die Aufnahmen auch in keiner Weise. Zuerst das Allegro aus der Sonate in A-Dur von Luigi Boccherini.

 

Nun noch ein Ausschnitt aus dem ersten Satz des berühmten Cellokonzerts von Antonin Dvorak:

 

Im Jahr 1965 übersiedelte der – in späteren Jahren weltberühmte – Cellist Heinrich Schiff von Linz ins Wiener Musikgymnasium. Er war ein Jahr jünger und spielte besser als ich. Ob’s an meinem Mangel von Talent, Ehrgeiz oder Fleiß lag? Vermutlich war es eine Mischung von allen.

Die Reifeprüfung absolvieren wollte ich aber doch. Mit dem so erlernten Niveau wäre ich eher kein bekannter Solist geworden, aber auf einen Platz  in einem guten Orchester hätte ich hoffen dürfen. Damals überlegte ich eine weitere Laufbahn als Dirigent und studierte nach bestandener Diplomprüfung im Konzertfach Violoncello beim Komponisten und Dirigenten Alfred Uhl.

Wenig später  stand ich aber vor meiner Diplomarbeit als Chemiker – ab diesem Zeitpunkt schien eine weitere Ausbildung zum Musik-Profi nicht mehr sinnvoll.

Aber zurück zur Schule. Die Atmosphäre im Musikgymnasium war deutlich besser als im Rainergymnasium, wo ich die Unterstufe absolviert hatte (siehe den Bericht „Aufmüpfiger“). Es war wie gesagt der erste Jahrgang des neuen Schulversuchs. Für den Initiator und Schuldirektor Hans Zwölfer waren wir „Versuchskaninchen“ , die ihm sehr am Herzen lagen.

Wir fühlten uns privilegiert und waren es wahrscheinlich auch. Klassenvorstand war der Dirigent und Organist Friedrich Lessky, er unterrichtete das wichtige Fach Musik.

Die Klassengemeinschaft war nicht ausgeprägt, Starallüren einzelner Kommilitonen förderten den Zusammenhalt nicht. Immerhin fanden häufig gemeinsame Konzerte im Festsaal der Schule statt, siehe das Programm des ersten Auftritts im Jahr 1965 – ich gab damals, gemeinsam mit dem Schuldirektor, ein Duo für zwei Violoncelli vom barocken Komponisten Willem de Fesch zum Besten.

Mit Klassenkollegen Heinz Rank im Wasagymnasium.

Mit jedem Jahrgang dezimierte sich unsere Klasse: Einige hörten mit der Schule auf, aber „über uns“ war keine andere Klasse, aus der jemand, weil durchgefallen, zu uns stoßen und die Unterrichtsbänke hätte „auffüllen“ können. Bei der Matura waren wir nur noch neun Kandidaten. Aber alle bestanden die Prüfungen . . .

Danach gab es Jahrzehnte lang keine Klassentreffen, niemand zeigte Interesse. Erst zum 50-Jahr-Jubiläum der Schuleröffnung des Musikgymnasiums organisierten Friedrich Lessky, Heinrich Schiff und ich den „U19 Wettbewerb für Kammermusik“ (inzwischen war aus der Akademie für Musik eine Hochschule und dann eine Universität geworden).

Der Wettkampf fand in einem modernen Gebäude der Universität statt, siehe das folgende Video. Ich erkannte im Laufe des Bewerbs, dass die Anforderungen an Instrumentalisten und deren technisches Niveau seit meiner Studienzeit noch weiter angestiegen sind.

Chemie oder Musik?

Nach der Matura hätte ich den Wehrdienst absolvieren können, aber da ich weiterhin Cello studierte, war es einfach, einen Aufschub zu erwirken. Zusätzlich immatrikulierte ich im Herbst 1969  an der Universität Wien und inskribierte das Fach Chemie. Vorlesungen und Laborübungen fanden in einem alten Gebäude in der Währingerstraße statt, unweit vom Musikgymnasium (siehe den Bericht „Chemiker“).

Mein Cellolehrer war nicht erfreut, denn mit der Entscheidung für das Chemiestudium war absehbar, dass aus mir eher kein Musiker werden würde. Wozu hatte er sich dann die ganze Arbeit mit mir angetan?

In den ersten Chemie-Semestern war die Entscheidung zwischen Musik und Naturwissenschaft für mich aber noch nicht endgültig gefallen.

Auch danach sah ich als Chemiker und später als Journalist das musikalische Üben nie als „verlorene Zeit“: Musik ist Teil meines Lebens geblieben.

Im Juni 1973 bestand ich die Diplomprüfung im Fach Violoncello. Damals stand ich im 6. Semester des Chemiestudiums. Dass ich beide Studien parallel und in der dafür vorgesehenen Zeit schaffen würde, hielten andere nicht für möglich.

Ein Teil der Diplomprüfung, die im Konzertsaal der Musikuniversität in der Johannesgasse stattfand, war die Sinfonia Concertante von Sergei Prokofiev. Sie ist für ihre technischen Schwierigkeiten berüchtigt – der Komponist hat sie seinem Freund Mstislav Rostropowitsch gewidmet, der damit sein stupendes Können unter Beweis stellen konnte (was mich dazu animierte, mich mit dem spröden, aber doch eindrucksvollen Werk auseinanderzusetzen).
Am Steinweg Flügel begleitete mich Carlos Rivera Aguilar:

Hier der erste Satz der Sinfonia Concertante:

 

Der nachfolgende zweite Satz ist technisch sehr anspruchsvoll:

 

 

 

Konzerthaus ist fürs Profispiel,
das Hauskonzert gibt Laien viel

Während meiner Diplomarbeit und Dissertation in Chemie trat der Gedanke an eine Karriere als Musiker in den Hintergrund. Das hinderte mich aber nicht, Chemikerkonzerte zu veranstalten, bei den Professoren, Assistenten und Studenten gemeinsam auftraten – unter ihnen gab es nicht wenige musische Begabungen (siehe Beitrag „Chemiker“). Die Auftritte fanden in einem Hörsaal am benachbarten Institut für Physik statt. Mit den Chemikerkonzerten wollte ich die oft hitzige Atmosphäre in den neuen Studienkommissionen durch drittelparitätisch besetztes, gemeinsames Musizieren verbessern.

Später lud ich Freunde und Bekannte zu privaten Auftritten, die in kleinen Konzertsälen statt fanden. Im Anschluss daran wurde gegessen und getrunken, die Hauskonzerte waren eine gute Gelegenheit, nebenbei Netzwerke aufzubauen und zu pflegen.

Manchmal begleitete mich Carlos Rivera-Aguilar, den ich schon von der Musikhochschule als genialen Korrepetitor kannte (wenn ich beim Spielen nervös war und versehentlich ein paar Takte ausließ, sprang er sofort mit und tat, als ob nichts passiert wäre):

Mit Carlos Rivera-Aguilar
bei einem Hauskonzert . . .

Viele Auftritte absolvierte ich mit dem leider zu früh verstorbenen Osfried Olaj, ehemals Professor für Physikalische Chemie an der Uni Wien. Bei ihm war ich das einzige Mal bei einer Prüfung durchgeflogen, aber das Malheur war bald vergessen:

. . . und mit Oskar Friedrich Olaj.

Tondokumente von den Hauskonzerten habe ich wenige. Aus dem Jahr 1997 gibt es einen technisch mäßigen Mitschnitt von einem Auftritt im Gastgarten der Schlossgasse 21 – ich spielte damals für den Geburtstag von Rüdiger Wolf, Geschäftspartner und Freund der Familie, die F-Dur Sonate von Johannes Brahms; Carlos Rivera begleitete mich am Klavier (das war damals 24 Jahre nach meiner Diplomprüfung in Violoncello).

Konzert im Gastgarten der Schlossgasse 21 (1997)

Wie attraktiv ist
das Leben eines Musikstars?

Die Karriere als Musiker schlug ich letztlich nicht ein. Aber wie es denen geht, die in ihrem Metier an die Spitze kommen wollen oder gar dort stehen, das interessierte mich natürlich weiterhin.

Als der berühmte Cellist Mstislav Rostropovich im Jahr 1974 seine Heimat, die Sowjetunion, verließ, lebte er eine Zeit lang in Wien.

In den Anfängen seines Exils gab es mehrere Treffen mit ihm, unter anderem war er im Landhaus meiner Mutter in Guntrams zu Gast:

mit dem Violoncellisten Mstislav Rostropovich in Guntrams

Einige Zeit später traf ich Rostropovich in Paris und spielte ihm in seiner damaligen Wohnung nahe vom Arc de Triomphe am Cello vor. An einem sonnigen Samstag holte ich ihn um 11 Uhr morgen von einer Konzertprobe ab und wir besuchten eine kleine Bar in der Avenue George V. Rostropovich bestellte Wodka und war ganz konsterniert, als ihm der Barman ein Glas mit Wodka reichte: Er wollte die ganze Flasche haben (die wenig später leer war).

Damals gelang es mir, ein Treffen zwischen ihm und dem französischen Cellisten André Navarra zustande zu bringen, mit dem ich über zwei Jahrzehnte freundschaftlichen Kontakt hatte.

Das denkwürdige gemeinsame Essen der beiden Stars (und „Gegenspieler“) fand in Paris statt:

mit André Navarra und Mstislav Rostropovich in Paris

Den Lebensweg von Rostropovich konnte ich nach seiner Übersiedlung in die USA im Jahr 1977 nicht mehr persönlich verfolgen, ich traf ihn erst viel später wieder in Wien. Ob er im Exil glücklich geworden oder doch eher heimatlos geblieben ist? Ich kann es nicht sagen.

Er war ein engagierte Kämpfer für Demokratie und Menschenrechte, weshalb er die Sowjetunion verließ und beim dortigen Regime für viele Jahre in Ungnade fiel. Erst ganz am Ende seines Lebens kehrte er schwerkrank nach Moskau zurück. Über die Stimmung bei seinem Treffen mit Wladimir Putin zur  Feier des 80. Geburtstags  im Kreml gibt es unterschiedliche Aussagen. Immerhin ist er in der Heimaterde begraben.

Deutlich länger und intensiver war ich mit André Navarra in Kontakt, verfolgte seine Konzerte, die Jahre im voraus geplant waren und seine Unterrichtstätigkeit in verschiedenen Ländern und Sprachen, darunter auch in Wien. Am wenigsten hielt er sich „zuhause“ in Paris auf, in seiner Wohnung in der Rue de Moscou. Zu so einem rastlos hektischen Leben ist nur fähig, wer dazu innerlich getrieben ist und das auch zulässt. Navarra hat es genossen, aber Zweifel klangen in den 1980-er Jahren dann und wann durch.

Ruhm und Applaus sind schön, sie mögen auch reich machen, aber der Preis, den man mit dem dadurch erzwungenen Nomadentum bezahlt, ist gleichwohl ein hoher.

Bei meinem Schulkollegen Heinrich Schiff war es eine mysteriöse Krankheit, die seine Weltkarriere leider früh beendete.

Für mich waren die freundschaftlichen Kontakte  gleichwohl lehrreich, weil ich – quasi hinter den Kulissen – erkennen konnte, dass und wie nur ganz wenige eine Karriere bis an die Weltspitze schaffen.

Aber es war zweifellos auch viel Spaß dabei. So war ich im Jahr 1981 mit Navarra in Italien unterwegs. Wir besuchten den Geigenbauer Alfredo Gianotti im Norden von Mailand. Dort probierten wir ein knappes Dutzend von Gianotti gebaute Instrumente und diskutierten über die Unterschiede im Klang. Am nächsten Tag kaufte jeder von uns ein Cello.

André Navarra und Geigenbauer Alfredo Gianotti in Mailand (1981).

Noch heute spiele ich das italienische Instrument – in Zukunft wahrscheinlich nur mehr für mich privat.

Zur Frage der besten Bogenführung

Während der Oberstufe des Gymnasiums ging ich oft in die Staatsoper, in den Wiener Musikverein und ins Konzerthaus. Ein Konzert des Cellisten Mstislav Rostropovich im Jahr 1966 begeisterte mich sehr. Seine Technik, Cello zu spielen, war ganz anders als auf der Musikakademie unterrichtet wurde, der Korpus des Instruments lag viel flacher zwischen den Knien als sonst, weil der Stachel nach unten gebogen war. So konnte Rostropovich in einem ziemlich flachen Winkel über die Saiten seines Instruments rauf unter runter flitzen:

Mstislav Rostropovich 1966

1967 organisierte mein Lehrer Kühne einen Wettbewerb für Violoncello, sein Lehrmeister André Navarra saß auch in der Jury – die Auswahl der Sieger war für mich spannend und lehrreich zu beobachten.

Die teils gravierenden Unterschiede zwischen Wiener, französischer und im Südosten Europas verbreiteten technischen Varianten von Körperhaltung und Spieltechnik wurden dabei beobachtet, diskutiert und unterschiedlich beurteilt, je nach dem Standpunkt des Jurors.

So unterschied sich die Bogentechnik von André Navarra markant von der Wiener Spielart. So gesehen  war es erstaunlich, dass Navarras Schüler Tobias Kühne überhaupt eine Professur an der Wiener Musikakademie bekommen hatte (später erst wurde aus ihr die heutige Universität).

Navarras Bogenspiel gilt als überlegen, jedoch argumentieren die Verfechter der Wiener Tradition bis heute, dass ihr Vibrato spezielle Vorzüge habe – als ob das eine das andere ausschließen müsse.

Kenner der Materie brauchen gar nicht erst einen Ton zu hören, sie können schon an der Haltung und Bewegung der Hände und Finger vermuten, aus welchem ´“Stall“ der Streicher kommt.

Dazu ein vereinfachtes Beispiel: Mit „französischer“ Technik führt die rechte Hand den Bogen so, dass die Saite am Beginn des Bogens genauso intensiv klingt wie an dessen Spitze (was wegen der dort erforderlichen Hebelwirkung viel mehr Muskelkraft erfordert und die Schulter nach längerem Üben zum Schmerzen bringt).

Im Gegensatz dazu erzeugen manche Musiker bei jedem Auf- und Abstrich einen „Klangbauch“: in der Mitte des Bogens erklingt der Ton am kräftigsten, weil das dort am einfachsten zu erzielen ist, an der Spitze und nahe am Beginn des Bogens (dem sogenannten Frosch) wird er dagegen leiser: An der Bogenspitze braucht man den erwähnten Hebeldruck und nahe am Frosch hört man beim Wechsel zwischen Aufstrich und Abstrich kratzende Nebengeräusche, vor allem wenn man laut spielt und die Kunst des Bogenwechsels nicht beherrscht. Dieses Kratzen beim Saitenwechsel zu verhindern, ist überhaupt eine schwierige Sache, es braucht eine gut trainierte Flexibilität der rechten Finger und des Handgelenks.

Die Haltung des Bogens kann individuell ziemlich verschieden sein. So zeigen die rechten Finger bei Tobias Kühne steiler nach unten als bei Navarra (die Hände der beiden sind allerdings sehr unterschiedlich strukturiert).

Bogenhaltung von Tobias Kühne . . . 

. . . und im Vergleich André Navarra.

Über die Feinheiten von Navarras Bogentechnik gibt es für näher Interessierte ein eigenes Video, das Kühne auf der Musikhochschule produzieren ließ. Auch ein Buch wurde darüber veröffentlicht: https://www.bibliothekderprovinz.at/buch/6357/

Diese Unterschiede kennen zu lernen, war für mich sehr lehrreich. Ich erfuhr, dass es auch für Instrumentalisten nicht nur einen Weg gibt, der „nach Rom führt“.

Faszination der Weltmusik

Wie der Mensch im Laufe der Urgeschichte auf die Musik kam, beschäftigt mich bis heute. In der Schulzeit faszinierten mich die verschiedenen Tonleitern der alten Griechen, von denen jede aus verschiedenen Intervallabständen bestand, womit heitere und traurige Stimmungen erzeugt worden sein sollen.

Dass eine Oktave in zwölf gleiche Halbtöne zerlegt wird, ist heute selbstverständlich, aber das war nicht immer so. Denn auch die Reihe der Obertöne ergibt davon abweichende Frequenzen. Andere Völker hatten verschiedene, oft pentatonische Melodien. Rätsel über Rätsel, die die Musikethnologen bis heute nicht gelöst haben.

In der klassischen Musik gibt es Dur und Modell, Terzen, Quarten und Quinten. Sind das naturgegebene Universalien? Für die in Wien entstandene „Harmonikale Grundlagenforschung“ war das so. Man bezog sich dabei auf Pythagoras, Johannes Kepler und mathematische Naturgesetze, aus denen sich die sogenannte Sphärenmusik ergibt. Damals fand ich das Konzept naheliegend. Später wurde ich skeptisch.

Als ich das erste Mal die Insel Bali besuchte und der Klangfülle eines traditionellen Gamelan-Orchesters lauschte, lernte ich eine ganz andere, jedoch überaus eindrucksvolle Musik mit unbeschreiblichen Klangfarben und Schwingungen kennen, die mit unseren gelernten Musikstilen praktisch nichts gemein hat (außer dem Baumaterial für die metallenen Gongs).

Auch der französische Orgelkünstler Olivier Messiaen komponierte fremdartige, aber dennoch harmonisch wirkende Musik, die mich immer wieder fasziniert. Messiaen entlehnte indische Rhythmen, gregorianische Melodien und Gesänge der Vögel. Er assoziierte Musik mit Farben – ähnlich, aber anders als der Moskauer Pianist und Komponist Alexander Skrjabin, der sein Farbenhören auf Tonarten bezog. Gegen Ende seines Lebens wollte Skrjabin sogar Düfte in sein Gesamtkunstwerk integrieren. In Summe entfernte auch er sich von den traditionellen Musikstilen Europas.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts griff der US-amerikanische Physiker Brian Greene die Sphärenklänge der Pythagoreer wieder auf und konstatierte: „Mit der Entdeckung der Superstringtheorie gewinnen diese musikalischen Metaphern eine verblüffende Realität“.

Ist das so?

Das Schöne an der Musik ist:
Sie braucht keine Erklärung,
sie entzieht sich ihr.

PS: Akustische Videodokus von Bali bis Bahia sind am Ende des Berichts „Reisender“ zu finden.