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Als Journalist mit analogem Telefon (1982).

Gut schreiben heisst
gut denken.

WWWWW. Diese Buchstaben haben mit dem Internet nichts zu tun. Sie dienen als Gedankenstütze für das, was in den ersten Absätzen eines journalistischen Berichts stehen sollte: Wer? Was? Wann? Wo? Warum? Auch das Wie und Wozu zählt man dazu. Die Reihenfolge hängt vom konkreten Inhalt ab, über den informiert wird.

Die Regel klingt einfach und würde als Pflichtübung im Schulunterreicht eine gute Figur machen. Aber weder im Gymnasium nach auf der Universität habe ich davon gehört. Erst als Doktor und mit 27 Jahren war ich damit konfrontiert, beim Schreiben der ersten journalistischen Texte für das Nachrichtenmagazin profil; Peter Michael Lingens vermittelte mir die Grundregeln mit viel Geduld und zeigte, wie man in einen Bericht am besten „einsteigt“. Er war Herausgeber beim profil und ich der Lehrling.

Dieses „learning by writing“ sollte mir später auch im Alltag viel helfen, Sachverhalte und Argumente besser als früher  „auf den Punkt bringen“ zu können. Im Gegensatz zu Menschen, die reden, bevor sie denken, lehrte mich der Job als Journalist, dass man zuerst im Kopf Klarheit haben muss. So ist der Titel dieses Beitrags „gut schreiben heisst gut denken“ für mich zum Leitspruch geworden.

Einstieg beim profil

Wie kam ich zu Lingens und zum profil? Den Kontakt zu Lingens stellte meine Mutter her, nachdem ich ihr erzählt hatte, dass mich das Schreiben interessieren würde. Lingens‘ Kinder gingen damals in die Waldorfschule in Wien-Mauer, die meine Mutter maßgeblich mit aufgebaut hatte und weiterhin im Schulgeschehen involviert war. „Du sollst ihn anrufen“, sagte sie. Das war im späten Frühling 1977, während meines Grundwehrdienstes.

Gesagt, getan. Lingens schlug am Telefon ein Treffen im „George and the Dragon“ vor, das war ein Pub am Schwedenplatz, nahe vom damaligen Sitz der profil-Redaktion am Morzinplatz. An den Inhalt des Gesprächs kann ich mich nicht genau erinnern, außer dass ich mein Anliegen vortrug, komplexe wissenschaftliche Sachverhalte in eine allgemein verständliche Sprache zu „übersetzen“. Lingens meinte, ich solle doch einfach mal anfangen.

Profil-Herausgeber Peter M. Lingens (um 1980)

Am 4. August 1977 schrieb ich außerdem an Ernst Grissemann vom ORF Hörfunk, den ich schon  früher persönlich kennen gelernt hatte, und schlug ihm Beiträge für Ö3 vor (wenig später sollte ich dann bei Ö1 landen).

Brief an Grissemann

Warum ich auf die Idee und den Entschluss gekommen bin, als Journalist Geld verdienen zu wollen, kann ich nicht sagen. War es der sprichwörtliche „Elfenbeinturm“, in dem ich die akademische Elite wahrnahm, wofür sie zurecht kritisiert wurde und aus dem ich ausbrechen wollte? Oder war es womöglich nur dem Umstand geschuldet, dass ich einen Job als Chemiker suchte, aber keine verlockenden Angebote bekommen hatte und daher überlegen musste, was ich sonst mit dem erlernten Wissen anfangen könne?

Zum näheren Verständnis berichte ich die Vorgeschichte: Gleich nach dem Studium hatte ich im pharmazeutischen Unternehmen meines Vaters zu arbeiten begonnen, schied aber schon im November desselben Jahres wieder aus. Verständigung und Zusammenarbeit zwischen Vater und Sohn hatten nicht funktioniert.

Als Wehrmann für Zeitungen zuständig

Jetzt musste ich also eine andere Anstellung finden. Aber der Grundwehrdienst war noch nicht geleistet, ohne den wäre ein guter Job kaum zu bekommen gewesen. Lieber hätte ich Zivildienst gemacht, aber das war damals schwieriger als heute: Es wären Monate vergangen, bis die gestrenge Zivildienst-Kommission über meinen Antrag entschieden hätte. Aber ich war ungeduldig, wie meist in meinem Leben, disponierte rasch um und suchte im November 1976 um den Einrückungsbefehl zum Militär an.

Am 4. Jänner 1977 begann der achtmonatige Wehrdienst in der Maria-Theresien-Kaserne. Wenig später mühte ich mich bei Eiseskälte irgendwo im Wald, mit untauglich kleiner Schaufel einen Schützengraben aus dem gefrorenen Erdreich auszuheben (was nicht annähernd gelang).

Das Training sollte drei Monate dauern, doppelt so lange wie üblich. Als G’studierter wurde ich bald zum Soldatensprecher gewählt, was meine Lage geringfügig verbesserte.

Glücklicherweise wurde ich nach Ablauf der Grundausbildung in die Landesverteidigungsakademie versetzt, die sich in der Stiftkaserne befand. Ein Bekannter und späterer Freund, Raoul Kneucker, hatte den Umzug eingefädelt.

Meine Aufgabe in der Akademie war, österreichische und deutsche Zeitungen nach militärischen Inhalten zu durchsuchen: Ich schnitt täglich die Fundstellen mit der Schere aus und leitete das Konvolut an Zeitungsschnipseln an Experten im Haus weiter.

Diese bewusste Auseinandersetzung mit journalistischen Inhalten dürfte meine Neugier geweckt und womöglich den Entschluss befördert haben, ins Metier der Schreiberlinge einzusteigen.

Obwohl meine ersten Versuche im profil schon während des Wehrdienstes begannen, versandte ich zahlreiche Bewerbungsschreiben für einen Job als Chemiker. Es waren an die hundert Briefe an Unternehmen in Österreich und Deutschland. Das Ergebnis war ernüchternd – mit einer Ausnahme bekam ich im Sommer 1977 lauter Absagen.

Der Wirtschaft ging es nach der Ölkrise 1973 und dem darauffolgenden Energieschock miserabel, es wurden Stellen eher ab- als aufgebaut – das bekam ich zu spüren.

Vor diesem Hintergrund mag das Schreiben als zweite Wahl erscheinen. Aber das war es nicht, konnte es auch gar nicht sein, weil von einer fixen Anstellung im trend-profil-Verlag nie die Rede war. Von einer freien Mitarbeit nur bei profil hätte ich jedoch aus damaliger Sicht nicht leben können: Als freier Mitarbeiter kriegt man sein Honorar erst nach Abdruck des gelieferten und akzeptierten Beitrags. Wenn kurz vor Redaktionsschluss ein Inserat gebucht wird, muss eine schon fertige Story rausfliegen. Das sollte meinen Beiträgen über wissenschaftliche Themen oft genug passieren. „Deine Geschichte ist von zeitloser Schönheit“, pflegte Chefredakteur Helmut Voska zu erklären.

Immerhin wurden während des Präsenzdienstes meine ersten, teils kurzen Artikel gedruckt und honoriert.

Als Wehrdiener geschrieben

Artikel aus Paris

Im Sommer 1977 tat sich dann eine neue Gelegenheit auf: Über Vermittlung und Empfehlung von Heinz Falk, der meine Diplomarbeit und Dissertation betreut hatte, bekam ich die Chance auf ein sogenanntes Postdoc in Paris. Dort sollte ich ab September 1977 an Forschungen über Nukleoside mitarbeiten, ein spannendes Thema, weil das Projekt auf die Entwicklung von Medikamenten gegen Viren abzielte.

So reiste ich gleich nach dem Abrüsten im Range eines Gefreiten nach Frankreich. Dort hatte ich noch weniger Zeit, für profil zu schreiben – zumal es weder Laptop noch Internet gab: Recherchiert wurde über das alte, analoge Telefon mit zwei Kupferdrähten, die Texte wurden mittels Schreibmaschine zu Papier gebracht und per Fax nach Wien übermittelt. Aber ein paar Beiträge schaffte ich doch.

Aus Paris geschrieben

Start ins Berufsleben –
auf zwei Standbeinen

Im Februar 1978 hätte ich das Postdoc verlängern können, aber inzwischen winkte eine Anstellung als Referent für Lebensmittel und Ernährung in der Bundeswirtschaftskammer (heute WKO). Idee und Vermittlung kamen von demselben Raoul Kneucker, der zuvor schon meine Versetzung in die Landesverteidigungsakademie in die Wege geleitet hatte und seither ein guter Freund ist.

Im Rückblick waren Raoul Kneucker (er war damals für die österreichische Rektorenkonferenz in verantwortlicher Position tätig), mein Doktorvater Heinz Falk und profil-Herausgeber Peter Michael Lingens drei hilfreiche Mentoren, die mich durch die Wirrnisse nach meinem abrupten Abgang aus dem väterlichen Betrieb begleiteten.

So bezog ich am 1. März 1978 mein erstes Büro in der Zaunergasse im dritten Bezirk, nahe vom Schwarzenbergplatz gelegen (Näheres dazu im Bericht „Kämmerer“). Der Job brachte eine Wende in meinem beruflichen Leben: er sicherte mich finanziell ab. Das war für mein Selbstwertgefühl damals wichtig.

Mein zweites Standbein als freier Journalist wollte ich jedoch unbedingt behalten. Die Kombination der beiden Jobs sollte sich später zwar als erfolgreich entpuppen. Aber ohne Hürden verlief sie nicht: Angestellte der Bundeswirtschaftskammer mussten Nebenjobs vom Präsidium genehmigen lassen. In meinem konkreten Fall war das keine Formalie, denn das profil deckte immer wieder Skandale auf, von denen auch Prominente aus der Wirtschaft und den Interessenvertretungen betroffen waren. Bei manchen Kapazundern erfreute sich das Nachrichtenmagazin daher nur eingeschränkter Beliebtheit. Doch Herbert Reiger, Leiter der Präsidialabteilung der Bundeswirtschaftskammer, setzte Vertrauen in mich und genehmigte den Nebenjob. Er sollte sich auch weiterhin als Fürsprecher erweisen.

Dagegen brauchte ich im profil viele Jahre, bis ich von den angestellten Kolleginnen und Kollegen akzeptiert wurde. Denn die Unabhängigkeit der Berichterstattung war eine „heilige Kuh“ (und das vollkommen zurecht). Warum sollte die Redaktion dem Angestellten einer Interessenvertretung eine solche Unabhängigkeit zubilligen?

Dass ich mit meinen Berichten über wissenschaftliche Neuheiten kaum jemandem thematisch in die Quere kam, war vermutlich kein Nachteil. Einer der ersten, die mich unterstützten, war der legendäre „Aufdecker“ Alfred Worm (uns verband das Interesse für moderne Technik); viele andere blieben jedoch skeptisch, der Weg zur Anerkennung war ein zäher.

Mein Image in der Redaktion verbesserte sich, als ich 1978 für die in München erscheinende Süddeutsche Zeitung zu schreiben begann.

Süddeutsche

Wenig später kamen die ersten Beiträge in der angesehenen Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ dazu. Der dort für Wissenschaft verantwortliche Günter Haaf unterstützte mich mit Rat und Tat, sodass ich oft genug zum Zuge kam. Mit jedem neuen Auftraggeber stieg auch meine pekuniäre Unabhängigkeit, was ich als wohltuend empfand.

Im nachstehenden LINK erste Beiträge für Die Zeit aus dem Jahr 1979.

Die Zeit

Im Jahr 1980 wurde ich zur Live-Sendung „Club 2“ im ORF geladen, die damals hohen Ruf und Bekanntheitsgrad hatte. Es ging um den Neubau des Allgemeinen Krankenhauses und Kontroversen um die moderne Schulmedizin. Mit dabei war der Pharmazeut Dr. Rüdiger Wolf, der im Werdegang der Familie wenig später eine maßgebliche Rolle spielen sollte – das von ihm geleitete Unternehmen kaufte den Produktionsbetrieb des Vaters.

Nachstehend der Link zu Ausschnitten aus dieser TV-Diskussion.

Vom Techniktest bis zur Esoterik

Im 1980 schlug ich dem profil kritische Tests von technischen Geräten vor. Das war nicht abwegig, gehörte doch der profil-Ski-Test zum fixen Inventar des Blattes (man dürfe alles testen, so lautete das Credo von Peter M. Lingens, aber keine Autos, denn in diesem Bereich sei die Unabhängigkeit nicht gewährleistet).

Den Anfang machte ein dreiteiliger Beitrag „Wie gut sind Solaranlagen“. Damals ging es um thermische Kollektoren zum Erwärmen von Wasser. Photovoltaik zur Stromerzeugung wurde damals nur in der Raumfahrt genutzt; erst Mitte der 1970-er Jahre hatten erste terrestrische Anwendungen begonnen, aber von einer Serienreife war man noch weit entfernt.

Wie gut sind Solaranlagen

Die Schiene der Techniktests wurde in den 1980-er Jahren kräftig ausgebaut. Höhepunkt war ein umfangreiches Sonderheft „trend profil extra“, das 1985 erschien und den Beginn von unabhängigen EDV-Tests im deutschsprachigen Raum markierte. Es folgten weitere Sonderhefte und Bücher wie das sogenannte HiSoft mit Tests von Anwendungsprogrammen), die bis in die 1990-er Jahre erschienen.

Trend profil extra

Im Zuge dieser Arbeit kam ich mit dem Wirtschaftsmagazin Trend und dessen Herausgeber Helmut Gansterer näher in Kontakt. Er war ein echter Technik-Freak mit ungewöhnlichem Tagesablauf: Redaktionsbesprechungen fanden mitunter in der Eden-Bar statt, oft erst nach Mitternacht:

Mit trend-Herausgeber Helmut Gansterer bei einer Besprechung in der Eden-Bar

Meine Entwicklung als Journalist lief nach keinem strategisch geplanten Schema ab. Wenn sich Gelegenheiten anboten, ergriff ich sie und fragte selten, wohin sie mich führen würden. Darum mag mein Lebenslauf im Rückblick wie ein Zick-Zack-Kurs erscheinen (oder wie der Weg durch ein Labyrinth).

Für mich war es abwechslungsreich und spannend, manchmal aufreibend und nicht selten frustrierend. Aber keine Sekunde dachte ich darüber nach, was ich vielleicht anders hätte entscheiden sollen.

Konträr zur Auseinandersetzung mit technischen Neuerungen waren Recherchen und Berichte über parawissenschaftliche Themen – von geheimnisvollen Auslegungen der Kirlianfotografie über Homöopathie bis zu den Geistheilern auf den Philippinen:

So unterzog ich mich nahe von Manila testhalber „chirurgischen Eingriffen“, wie folgendes Foto belegt:

Meine Berichte darüber erregten viel Aufsehen – wenig später war ich wieder in der Fernsehsendung „Club 2“ des ORF. Vor laufender Kamera demonstrierte Zauberkünstler Magic Christian damals, wie man blutiges Gewebe aus einem scheinbar unversehrten Bauch herausholt . . . siehe Auszüge aus der hitzigen Diskussion im nachstehenden Link.

Erstmals online
und im eigenen Büro

Die Arbeit als Journalist führte mich damals zur Gründung des „Dokumentationsarchivs für Wissenschaft und Wirtschaft“ (DWW). Überlegungen dazu sind aus dem Jahr 1981 erhalten.

DWW

Das DWW befand sich in zwei Räumen im Erdgeschoß des Hauses Gartengasse 8; dort war der Vater seit den 1950-er Jahren als pharmazeutischer Unternehmer mit seiner Firma Chemofux und mit der Produktion von Brausetabletten erfolgreich gewesen. Inzwischen hatte er die Produktionssparte verkauft und so wurde Platz frei. Ich mietete die genannten Räume an und baute sie zum Büro um.

Es war mein zweites Büro neben dem Standort in der Zaunergasse, wo ich für die Bundeswirtschaftskammer weiterhin hauptberuflich tätig war.

In der Gartengasse installierte ich einen sogenannten Textautomaten; dessen Disketten im Format 5 ¼ Zoll waren für heutige Verhältnisse riesig und ihre Speicherkapazität relativ gering (siehe dazu einen Bericht aus 1981: https://www.computerwoche.de/a/faktura-in-einem-sechstel-der-zeit,1185881 ).

Etablierte Konzerne wie Philips, Siemens, Nixdorf und Olivetti hielten damals wenig von den neuen Mikrocomputern, die in US-amerikanischen Garagenfirmen von Steve Jobs & Co. entwickelt worden waren, und setzten energisch auf Eigenentwicklungen (die untereinander technisch nicht kompatibel waren). Der weltweite Siegeszug von Apple und Microsoft sollte sie erst Jahre später vom Markt verdrängen…

Im Jahr 1981 an einem Textautomaten von Philips
im Büro der Gartengasse 8.

Das Archiv DWW war als Gesellschaft nach bürgerlichem Recht konstituiert und diente als Plattform für meine Tätigkeiten als Journalist, als Konsulent und für die Vermarktung von Recherchen in wissenschaftlichen online-Datenbanken (ich war damals wahrscheinlich der erste und einzige Private in Österreich, der solche Aufträge erledigte, siehe dazu den Beitrag „Kämmerer“).  Auch Honorare von Mitarbeitern, die ich damals beschäftigt hatte, liefen über DWW.

Der Zufall und der Nürnberger Trichter

Einen weiteren Sprung in der Karriere als Journalist verdanke ich dem puren Zufall (oder der Eigenschaft, sich bietende Chancen schnell zu ergreifen?): Im Juli 1982 schrieb ich für Die Zeit in Hamburg ein sogenanntes Dossier über Altersforschung, das ich aus Anlass einer UN-Konferenz zu diesem Thema in Wien recherchiert hatte.

Kongress über das Altern

Wenige Tage nach dem Erscheinen des Beitrags kam ein Anruf von Klaus Piper, dem Eigentümer des gleichnamigen Münchner Verlags. Er hatte das Dossier gelesen und fragte, ob ich ein Buch über das Altern schreiben wolle. Ich erwiderte, dass ich mich dafür noch zu jung fühle und bot ihm spontan ein Buch über die neue Welt des Computers an, die mich damals interessierte. Ich hatte Glück – Piper sagte nicht nein.

Wenig später reiste ich zur Vorsprache nach München. Ein genaues Konzept hatte ich nicht mit, aber das Gespräch führte dennoch zur konkreten Aussicht auf einen Vertrag. „Frechheit siegt“, würde ich im Rückblick sagen, denn ich hatte damals keine Ahnung, worauf ich mich einließ: Der Entwurf für ein Manuskript sollte schon im kommenden Frühjahr abgeliefert werden.

Im Herbst 1982 begann ich mit Recherchen, kaufte zahlreiche Bücher, zumeist in englischer Sprache und entwarf nach erster Lektüre die Konzepte für das Buch. Ziel war es, die Funktionsweise der Computertechnik jedem Laien anschaulich zu machen sowie die Chancen und Risken aufzuzeigen, die mit dieser Innovation verbunden schienen. Die Dinger waren damals erst seit wenigen Jahren und in geringen Stückzahlen auf dem Markt, der „Mac“ von Apple sollte erst im Jahr 1984 präsentiert werden. Ich war mit der Idee zum Buch also „früh dran“.

Mitten im Recherchieren erhielt ich den Kardinal-Innitzer-Preis für wissenschaftlich fundierte Publizistik. Er wurde am 11. Dezember 1982 vom damals Wiener Erzbischof Franz König verliehen – ein ehrenvolles vorweihnachtliches Geschenk.

Erzbischof Karl König überreicht den Kardinal Innitzer
Förderungspreis für Wissenschaftsjournalismus.

Über die Feiertage des Jahreswechsel 1982 / 1983 zog ich mich ins Hotel Habsburgerhof in Bad Gastein zurück und schrieb Tag und Nacht ein Gerüst für das Buch und zahlreiche Textbausteine. Sie fügten sich in mehreren Etappen zu einem Gesamtkonzept. In meinem zweiten Büro verfügte ich über den oben erwähnten Textautomaten, der das Schreiben in vieler Hinsicht einfacher machte.

Im Februar entstand die erste Rohfassung des Manuskripts. Es folgten lange Gespräche mit dem Verlag, zahlreiche Änderungen und Ergänzungen. Sehr ausführlich und kontrovers wurde über den Buchtitel und die Gestaltung der Titelseite diskutiert. Ich lernte, dass Verlage bei der Aufmachung von Büchern intensiv mitreden wollen. Die ersten Entwürfe, die ich übermittelt bekam, waren mir aber zu wenig plakativ. Erst nach langem Hin und Her und kurz vor Redaktionsschluss gelang ein Cover, den ich bis heute für gelungen halte:

Das Buch war auf Anhieb ein voller Erfolg. Die erste Auflage war in wenigen Monaten verkauft. Es folgte eine zweite und dann eine Ausgabe als Taschenbuch (und später eine Übersetzung ins Spanische).

Mikroelektronik

Eines Tages erhielt ich einen Anruf aus dem Verlag. Man habe das Buch für den Nürnberger Trichter eingereicht, das war ein renommierter Preis, der jährlich von der deutschen Bundesanstalt für Arbeit vergeben wurde und mit 50.000 DM sehr gut dotiert war. Ich sei in der engeren Auswahl für den Preis.

Am 13. März 1984 reiste ich nach Nürnberg und nahm den Preis entgegen. Nach sieben Jahren journalistischer Entwicklung war das ein Höhepunkt meiner Karriere. Nach dem Kardinal Innitzer-Preis hatte ich nunmehr eine weitere Anerkennung (1983 war mir auch der Erste Preis der österreichischen Fachpresse verliehen worden).

Die Erfolge im Jahr 1984 hatten zwei Effekte: Zum einen trösteten sie mich wenig, aber doch, darüber hinweg, dass ich den erhofften – und intern bereits zugesagten – Posten eines Wissenschaftsattachés an der österreichischen Botschaft in Washington nicht bekommen hatte. Zu gerne hätte ich einen längeren Aufenthalt in den USA verbracht und das spannende Thema eines besseren Technologietransfers nach Europa betreut!

Endlich: Ein Pauschalistenvertrag

Zweitens trugen die Preise und die damit verbundene Publizität dazu bei, dass ich beim profil einen sogenannten Pauschalistenvertrag erhielt: demnach zahlte der Verlag pro Jahr einen fixen Betrag, im Gegenzug musste eine fixe Zahl an Seiten exklusiv an die Redaktion abgeliefert werden.

Damit war ich auch als Journalist abgesichert und musste nicht bei jedem abgelieferten Beitrag bangen, ob er auch gedruckt (und damit entlohnt) wird. Lange genug hatte ich darum gekämpft.

profil Pauschalistenvertrag

Drei Jahre später wurde die Pauschale deutlich erhöht. Mit Honoraren für andere Zeitungen, den ORF und für verschiedene Auftragsprojekte verdiente ich in manchen Jahren weit mehr, als ich mir am Beginn hätte vorstellen können.

Vertragspartner des trend-profil-Vertrags war das schon mehrfach erwähnte Dokumentationszentrum für Wissenschaft und Wirtschaft. Demnach konnten Beiträge auch von anderen Mitarbeitern geliefert werden. Inzwischen war ich mit meinen diversen Jobs so ausgelastet, dass ich nicht riskieren wollte, mit der vereinbarten Lieferpflicht ins Schleudern zu kommen. Außerdem schien die Nachfrage für wissenschaftsjournalistische Beiträge groß genug für eine solche Expansion.

Zank ums Fressen

In der Bundeswirtschaftskammer, für die ich neben dem Schreiben weiterhin voll arbeitete, hatte ich viel mit Landwirtschaft, Lebensmitteln und Ernährung zu tun. Diese Auseinandersetzung bewirkte auch einen Schwerpunkt in meinen journalistischen Berichten. So war ich als Naturwissenschaftler fassungslos, wieviel Unsinn die diversen selbst ernannte Diät-Apostel verbreiteten (und das mit Erfolg). Die Bezeichnung „Fake News“ gab es damals noch nicht, aber sie hätte gut gepasst.

Auf der anderen Seite schienen viele Vertreter der etablierten Ernährungswissenschaft ziemlich einseitig orientiert zu sein: Übergewicht ist böse, Cholesterin ist gefährlich, fettes Essen? Alles schädlich!

Ich begann, anerkannte Dogmen der Ernährungsmedizin in Zweifel zu ziehen und verfasste ein Dossier für Die Zeit mit dem Titel „Das freudlose Fressen“. Der Beitrag löste die heftigsten Reaktionen meiner journalistischen Karriere aus.

Es gab auch gerichtliche Klagen gegen mich, unter anderem vom österreichischen „Lebensmittelpapst“ Dr. Friedrich Petuely, und eine anonyme Morddrohung, gefolgt von einem ebenso ominösen Einbruch in mein Büro. Über die Urheber habe ich nur Vermutungen.

Die Zeit Dossier Das freudlose Fressen Die heftigen Reaktionen (Auszüge)

So erfuhr ich, was passieren kann, wenn man an Dogmen der Wissenschaft rüttelt.

Rückendeckung gab mir der – viel zu früh verstorbene – Wilhelm Auerswald (er war Vorstand am Institut für Physiologie an der Universität Wien). Außerdem hatte ich inzwischen Ernährungskongresse organisiert, war in der Diätszene gut vernetzt, eine Serie über Ernährung lief im Schulfunk des ORF und ein Schulbuch „Nahrung, Ernährung, Gesundheit“ war im Entstehen (nachstehender Link zeigt eine Neuauflage aus dem Jahr 1990). Mein Ruf war inzwischen gefestigt genug, um die Anwürfe der Kritiker unbeschadet auszuhalten.

Schulfunkserie Ernährung Schulbuch Ernährungslehre

Nach dem großen Erfolg des Buchs Mikroelektronik erschien dann noch ein zweites Buch im Piper-Verlag mit dem Titel: Diät – aber wie? Darin rechnete ich mit mehr oder weniger bekannten, teilweise absurden Diätformen ab. Aber der Verkauf kam diesmal nicht so recht vom Fleck. Das Buch war zwar kein Flop, aber unter die Top 10 der Bestsellerliste des Magazins Spiegel kam es nicht (wie es zuvor der Mikroelektronik gelungen war).

Orwell und Tschernobyl

Immerhin wurden auf dem deutschen Markt um ein Vielfaches mehr an Büchern verkauft als in Österreich, sodass sich das Schreiben für deutsche Verlage mehr lohnte als hierzulande. Das merkte ich im Orwell-Jahr 1984, als ich ein Buch mit dem Titel Überwachungsstaat Österreich im Wiener Orac-Verlag herausbrachte.

Überwachungsstaat Österreich

Am 26. April 1986 ereignete sich eine Panne im Atomreaktor von Tschernobyl, der damals zur Sowjetunion gehörte in der Ukraine gelegen ist. Die zuständigen Behörden wiegelten ab und hüllten sich ansonst in Schweigen. Wenig später wurde auch in Österreich erhöhte Radioaktivität gemessen.

In der Redaktion des profil herrschte „Alarmstufe rot“. Die Berichte waren mein Thema als Wissenschaftsjournalist, es beherrschte die öffentliche Diskussion über Monate. Fast jede Woche schrieb ich über aktuelle Fragen und Entwicklungen der Reaktorkatastrophe.

Über Tschernobyl im Profil

Es lag auf der Hand, das gesammelte Material aufzubereiten, zu ergänzen und als Buch auf den Markt zu bringen. Klar war aber auch, dass ich nicht der einzige Autor sein würde. Also wollte ich zumindest der erste sein.

Ich fragte bei der Druckerei des Ueberreuter Verlags, die damals in Korneuburg ansässig war, ob sie Disketten eines Textautomaten der Firma Philips ohne klassische Setzerei direkt zum Druck befördern könnten. Nach einem ersten Probeversuch bekam ich grünes Licht und einen Autorenvertrag. Ich wurde instruiert, Überschriften und weitere Textmerkmale mit speziellen Steuerzeichen für die Druckmaschine zu versehen.

Vier Wochen nach Tschernobyl war Redaktionsschluss, fünf Wochen nach der Katastrophe wurde das Buch zum Verkauf ausgeliefert – das war für damalige Verhältnisse ein Rekord. Das zweite Buch zu diesem Thema erschien vier Wochen später in einem deutschen Verlag.

Strahlengefahr

Natürlich hatte ich gegenüber anderen Autoren Wettbewerbsvorteile: Erstens lag das Thema nahe an meinem studierten Metier, zweitens hatte ich mich schon aus Anlass der Volksabstimmung über das Atomkraftwerk Zwentendorf damit auseinandergesetzt und drittens arbeitete ich mit einem Verlag zusammen, der ein schnelles Erscheinen genauso sportlich sah wie ich.

Über Umwelt und Energie

Das schmale, aber noch heute denkwürdige Buch war auch ein Auslöser für zahlreiche Berichte über Umweltschutz sowie Vor- und Nachteile verschiedener Energiequellen. Dafür erhielt ich im Dezember 1986 von der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik einen Ehrenpreis.

Nachstehende Kompilation aus den Jahren 1978 bis 1990 vermittelt einen Überblick über die Vielfalt der Themen zu Umwelt und Energie, einige davon sind heute noch aktuell wie damals (die Aufstellung ist unvollständig, weil in meinem Archiv einige Jahre fehlen, außerdem sind die alten Scans von schlechter Qualität).

Beiträge zu Energie- und Umweltthemen

Computerfolgen

Im Jahr 1986 erschien noch ein weiteres Buch, das sich mit Computertechnik befasste, diesmal mit mutmaßlichen Auswirkungen auf Leben und Lernen:

Wie der Computer

Lehrauftrag und Staatspreis

Von 1986 bis 1990 hatte ich überdies einen Lehrauftrag für Wissenschaftsjournalismus am Institut für Publizistik der Universität Wien. Ein Skriptum aus dieser Zeit ist in nachfolgendem Link zu finden.

Wissenschaftsjournalismus

Die wohl höchste fachliche Auszeichnung Österreichs, den Staatspreis für Wissenschaftsjournalismus, erhielt ich im März 1988 von Bundesminister Hans Tuppy überreicht.

Bundesminister Hans Tuppy überreicht den Staatspreis für Wissenschaftspublizistik

Trotz Erfolgen und Anerkennungen blieb die Arbeit für profil friktionsvoll. So wurde im Jahre 1986 unterstellt, es sei zwar an der Qualität meiner Beiträge nichts auszusetzen, aber der Umfang der gelieferten Stories entspreche nicht den Vereinbarungen und überdies sei ich oft auf vertragsfremde Themen ausgewichen. Ich lieferte eine minutiöse Aufstellung, die das Gegenteil belegte.

Aus dem September 1987 befindet sich in meinem Archiv eine Aktennotiz über eine interne Redaktionssitzung, in der es um eine Auseinandersetzung zwischen Herausgeber Lingens und Chefredakteur Voska ging. Ende dieses Jahres ging Lingens als Herausgeber, sein Nachfolger wurde Peter Rabl.

Mit ihm lief die Zusammenarbeit mäßig. Immerhin wurde am 23. April 1990 mein Pauschalistenvertrag konkretisiert und verlängert.  In dieser Zeit bereitete ich gerade die Eröffnung meines ersten Lokals „Schlossgasse 21“ vor (siehe den Beitrag „Wirt“).

Der Redaktion des profil war das neue Lokal (und damit mein drittes berufliches Standbein) keine Reaktion wert. Zum Trost kam ein Schreiben von Günter Haaf von der Zeit aus Hamburg, mit dem ich fast zehn Jahre lang zusammengearbeitet hatte.

Streik im profil

Im Herbst 1991 erklärte Rabl einer konsternierten profil-Redaktion, dass er zusätzlich zu seiner Funktion als Herausgeber auch eine verantwortliche Funktion in der Geschäftsführung übernommen habe.

Eine solche Doppelfunktion war für g’standene profil-Mitarbeiter ein rotes Tuch, weil damit die Unabhängigkeit der Redaktion in Gefahr schien: Viele befürchteten nicht ohne Grund, dass andere Unternehmen durch Schaltung von Anzeigen eine freundliche Berichterstattung kaufen – oder zumindest eine unfreundliche verhindern – könnten (wie das in anderen Medien schon damals eher die Regel als die Ausnahme war).

Die Redaktion streikte. Ich war auf der Seite des Protests dabei, obwohl ich nicht angestellt war und formal nichts mitzureden hatte. Aber inzwischen war ich schon länger beim profil als viele Neue, die eine fixe Anstellung hatten.

Dann ging Rabl und Hubertus Czernin folgte ihm als Herausgeber. Er kürzte zuerst Honorar und Lieferumfang für meine Beiträge. Mit Schreiben vom 30. 8. 1994 kündigte er dann den Vertrag per Ende des Jahres und ohne Angabe eines Grundes zur Gänze.

Ich war nicht der Einzige, der in der Folge des Streiks gegangen wurde (oder freiwillig das Haus verlassen hatte). Da ich inzwischen ein florierendes Beisel führte, war die Kündigung für mich zwar ärgerlich, aber die Arbeit für profil machte mir seit dem Streik keine echte Freude mehr.

Im Club der Veteranen

Kurz nach dem Streik hatte ich den Club der Veteranen angeregt. Über viele Jahre hinweg trafen sich alle, die nicht mehr im profil oder gegen die neue Blattlinie waren, regelmäßig in der Schlossgasse 21, ab dem Sommer 1998 auch im neu eröffneten Silberwirt, wie folgende Fotos zeigen:

Das profil ging mir nach der Kündigung nicht ab, das Schreiben schon. Eine Zeitlang war ich für das Nachrichtenmagazin News tätig, auf Anregung von Alfred Worm, der inzwischen dort arbeitete. Ich recherchierte einen umfangreichen Bericht über die Top-1000-Unternehmen in Österreich. Aber ich blieb nicht lange bei News.

Schreiben als Hobby

In der Folge kam ich mit meinem Freund Dieter Zeiss, der seit Anbeginn Stammgast der Schlossgasse 21 war und das Inseratenblatt BAZAR leitete, auf die Idee der „Briefe an den Bazar“: einmal pro Woche begann ich mit „Lieber Dieter“ und schrieb ihm anschließend zu aktuellen Themen; es folgte eine knappe Replik des Adressaten. Die Briefe erschienen wöchentlich in den Jahren von 1995 bis 2003, fast immer auf der Titelseite des Annoncenblatts. Sehr häufig war vom Paddy die Rede, dem irischen Whiskey, weil er Dieters Lieblingsgetränk war. Es machte Spaß , ohne Honorar zu schreiben.

Briefe an den Bazar

Im Jahr 1996 folgte noch das Buch „Kursbuch Küche“, bei dem ich als Co-Autor wirkte:

Ab 2009 begann ich, Reiseberichte zu verfassen (siehe den Bericht Reisender), die über weite Strecken journalistischen Charakter hatten, freilich ohne Honorierung. Mit Edith Kneifl schrieb ich im Jahr 2014 den Waldviertel-Krimi „Satansbraut“.

Mein jüngstes (und für mich wichtigstes) Buch heißt „Sprach Bilder“ und ist im Verlag Bibliothek der Provinz erschienen.

Wird es der Abschluss meiner Tätigkeit als Autor sein? Ich habe derzeit keine Ahnung.