Musiker

Stefan M. Gergely am Flügel (2020)
(Foto: Herbert Lehmann).

Inhalt:

  • Ein Leben ohne Musik ist wie ein Glas ohne Wein
  • In Wien spielt jeder mit Talent, aus Lebenslust ein Instrument.
  • Violoncello: Eigenwilliger Entschluss
  • Versuchskaninchen im Musikgymnasium
  • Chemie oder Musik?
  • Konzerthaus ist fürs Profilspiel, das Hauskonzert gibt Laien viel
  • Wie attraktiv ist das Leben eines Musikstars?
  • Faszination Weltmusik

Ein Leben ohne Musik
ist wie ein Glas ohne Wein.

„Musik: Atmung der Seele?“ So sollte der Titel zu diesem Kapitel meiner Chronik ursprünglich heißen. Aber er war mir trotz des Fragezeichens zu irrational, zumal ich nicht angeben kann, wie die Seele atmet und ob es sie überhaupt gibt.

Die neue Überschrift habe ich gewählt, weil ich gern musiziere und gern Wein trinke. Beide beeinflussen die Stimmung. Wenn ich in schlechter Verfassung bin, dann setze ich mich ans Klavier oder Cello und lasse die Finger spielen. Es läuft meist von allein, Noten würden stören. Oft tönen Klänge in Moll. Aber fast immer fühle ich mich nachher wohler.

In Wien spielt jeder mit Talent,
aus Lebenslust ein Instrument.

Die Lust am Improvisieren habe ich wahrscheinlich vom Vater, der mir auf nachstehendem Foto „auf die Finger schaut“. Er hatte in den 1930-er Jahren als Barpianist gearbeitet, damals als Zubrot für sein Studium der Chemie.

Musik war ihm wichtig, und so lag auf der Hand, dass mein Bruder Thomas und ich ein Instrument lernen sollten.

Mit acht Jahren ging ich zu Clara Reganzini-Guttmann in privaten Klavierunterricht. Er fand im Hochhaus in der Wiener Herrengasse statt. Sie war Schülerin des Künstlers Friedrich Gulda und versuchte mir beizubringen, wie man Tasten richtig anschlägt.

Wichtig war ihr vor allem, von den Tasten weg und nicht „in sie hinein“ zu spielen. Darin lag für Reganzini das Geheimnis eines plastisch klingenden Anschlags (zum Beleg dafür, was sie meinte, braucht man nur aufmerksam eine Tonaufnahme ihres Lehrers Gulda zu hören, auf der er etwa Bach oder Mozart spielt).

Immer wieder schrieb Reganzini „Finger gut heben“ in mein Unterrichtsheft:

Mitte der 1960-er Jahre wechselte ich zum Pianisten Hans Petermandl an die damalige Akademie für Musik und Darstellende Kunst, bis der Lehrer nach Graz übersiedelte.

Der Zufall führte mich wenig später zu Hilde Langer-Rühl. Sie war Lehrerin für Atem- und Stimmkunde und unterrichtete Klavier. Nach meinen Aufzeichnungen war ich von 1969 bis 1973 bei ihr an der genannten Akademie. Ich habe ihr viel zu verdanken, beispielsweise für Ratschläge zur Interpretation der letzten Klaviersonaten von Franz Schubert.

Vor allem aber lehrte sie mich zu begreifen und umzusetzen, was Musizieren mit Atmung zu tun hat. Nach Auffassung von Langer-Rühl sollten musikalische Impulse vom Zwerchfell ausgehen, also genau von dort, wo die antiken Griechen den Sitz der Seele verorteten. So erklärt sich übrigens der ursprünglich geplante für diesen Bericht („Musik: Atmung der Seele?“).

Violoncello:
Eigenwilliger Entschluss

Mit zehn Jahren  wollte ich Violoncello lernen. Wie ich auf die Idee dazu gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Sie dürfte eher spontan entstanden sein. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir das Instrument irgendwer eingeredet hat.

Die Mutter vermittelte den Kontakt zu Tobias Kühne, der Professor an der Musikakademie war und beim französischen Cellisten André Navarra studiert hatte. Er befand, dass meine Hände noch zu klein seien („zu kleen“ sagte Kühne in seinem bundesdeutschen Akzent); ich hätte auf einem „halben“ Cello beginnen müssen, argumentierte er, die spätere Umstellung auf ein großes Instrument sei oft mit Schwierigkeiten verbunden und koste Zeit.

Dennoch ging ich zunächst zu Wilhelm Winkler ans Konservatorium der Stadt Wien.

Im Jahr 1963 kehrte ich zu Tobias Kühne zurück, bestand die Aufnahmeprüfung und wurde zum Studium im Konzertfach Violoncello an der Musikakademie zugelassen:

Folgendes Bild zeigt den jungen Cellisten im Jahr 1963.

Aus diesem Jahr datieren übrigens meine ersten und einzigen Versuche zu komponieren. Mein Opus 2 sollte eine Fantasie für Klavier und Orchester werden, aber sie blieb weitestgehend unvollendet.

„Versuchskaninchen“
im Musikgymnasium

Im Herbst 1964 wechselte ich an die Oberstufe des Realgymnasiums für Studierende der Musik in der Wasagasse. Der Lehrgang dauerte ein Jahr länger als an anderen Schulen – und das hatte seinen Grund: Alle Nebenfächer, die an der Akademie zu absolvieren waren, wurden hier im Gymnasium unterrichtet, was fünf Musikstunden pro Woche erforderte. Nachmittagsunterricht sollte dabei nicht anfallen, und so musste das Pensum der Oberstufe von vier auf fünf Jahre gestreckt werden. Das Ziel war es, jungen Musikerinnen und Musikern zu ermöglichen, neben dem aufwendigen täglichen Üben auch die Matura abzulegen – was zuvor nur den wenigsten Profimusikern gelungen war.

Der Aufwand, der damit verbunden war, lässt sich erahnen, wenn man bedenkt, was tägliches Üben wirklich bedeutet. Die Geigerin Roswitha Randacher etwa, die meine Klasse besuchte und als Wunderkind galt, übte mehr als vier Stunden am Tag. Ohne hartes Training hat man in aller Regel keine Chance auf eine Solistenkarriere – und eine solche wollen die meisten angehenden Musiker. Doch die Anforderungen entpuppen sich dann doch als deutlich härter als erwartet.

Ich selbst versuchte mich während der Schulzeit an anspruchsvollen Werken der Musikliteratur. Einige wenige Tondokumente aus jener Zeit sind erhalten geblieben – Live-Mitschnitte, die ich damals aufnahm und erst 2022 digitalisierte. Begleitet wurde ich dabei zumeist vom Peruaner Carlos Rivera Aguilar am Klavier. Die Aufnahmen wurden nicht nachbearbeitet.

Im nachstehenden Link ist etwa das Allegro aus der Sonate in A-Dur von Luigi Boccherini zu hören …

 

. . . oder ein Ausschnitt aus dem ersten Satz des berühmten Cellokonzerts von Antonin Dvorak:

 

Im Jahr 1965 übersiedelte Heinrich Schiff – der in späteren Jahren weltberühmt werden sollte – von Linz ins Wiener Musikgymnasium. Er war ein Jahr jünger als ich und spielte schlicht besser. Die Frage, die ich mir damals stellen musste, war keine angenehme: Lag es an mangelndem Talent, fehlendem Ehrgeiz oder zu wenig Fleiß? Vermutlich war es eine Mischung aus allem dreien.

Die Reifeprüfung wollte ich dennoch ablegen. Mit dem erreichten Niveau wäre ich zwar kein bekannter Solist geworden – aber einen Platz in einem guten Orchester hätte ich mir durchaus ausrechnen dürfen. Ich dachte damals auch an eine Laufbahn als Dirigent und studierte nach der „Konzertreifeprüfung“ noch einige Semester Violoncello beim Komponisten und Dirigenten Alfred Uhl. Doch als ich im gleichzeitig absolvierten Chemiestudium vor meiner Diplomarbeit stand, zeichnete sich ab, dass eine weitere professionelle Musikausbildung nicht mehr zu bewältigen sein würde.

Doch zurück zur Schule. Die Atmosphäre im Musikgymnasium war spürbar besser als zuvor im Rainergymnasium, wo ich die Unterstufe absolviert hatte. Wir waren, wie erwähnt, der erste Jahrgang dieses neuen Schulversuchs – und für den Initiator und Schuldirektor Hans Zwölfer waren wir „Versuchskaninchen“, denen er mit echter Zuneigung begegnete. Wir fühlten uns privilegiert, und das waren wir wohl auch.

Unser Klassenvorstand war der Dirigent und Organist Friedrich Lessky, der das wichtige Fach Musik unterrichtete. Ich habe ihn als gutmütig und lebensfroh in Erinnerung. Direktor Zwölfer hingegen war ein klassischer Humanist alter Prägung – eher ernst, mitunter streng.

Die Klassengemeinschaft blieb über die fünf Jahre hinweg eher unterentwickelt; die Starallüren einzelner Kommilitonen förderten den Zusammenhalt nicht gerade. Immerhin fanden gemeinsame Konzerte im Festsaal der Schule statt – das Programm des ersten Auftritts im Jahr 1965 ist noch erhalten. Damals gab ich mit dem Schuldirektor ein Duo für zwei Violoncelli vom barocken Komponisten Willem de Fesch zum Besten.

Mit Klassenkollegen Heinz Rank im Wasagymnasium.

Während der Oberstufe war ich ein häufiger Gast in der Staatsoper und in Konzerten – zumeist mit klassischer Musik im Konzerthaus oder im Wiener Musikverein. Die Zauberflöte hatte mich schon immer in ihren Bann gezogen; als Volksschüler versuchte ich beharrlich, die Koloraturarie der Königin der Nacht „nachzukicksen“. Der Tenor Giuseppe di Stefano in Puccinis Tosca war für mich ein Highlight, ebenso fesselte mich Tschaikowskys Eugen Onegin mit Fritz Wunderlich – und auch das Musical West Side Story von Leonard Bernstein ließ mich nicht kalt. Zu Richard Wagner hatte ich eine ambivalente Einstellung: Parsifal mochte ich mehr als die Meistersinger von Nürnberg.

In Konzertsäle ging ich oft, um die großen Pianisten und Violoncellisten meiner Zeit zu erleben. Swjatoslaw Richter und Friedrich Gulda zählten für mich zu den eindrucksvollsten; Wladimir Horowitz und Arturo Benedetti Michelangeli konnte ich leider seltener hören. Martha Argerich begann mich erst in späteren Jahren wirklich zu faszinieren. Von den Cellisten begeisterten mich vor allem Mstislaw Rostropowitsch und André Navarra.

Pop- und Rockkonzerte besuchte ich kaum. Den Rolling Stones konnte ich wenig abgewinnen – dafür war ich ein früher und überzeugter Fan der Beatles.

Als Gymnasiast mit Beatles-Mähne am Pittener Weg in Guntrams (1968).

Mit jedem höheren Jahrgang lichteten sich unsere Reihen: Einige hatten die Schule aufgegeben, und da es über uns keinen älteren Jahrgang gab, aus dem Wiederholer hätten nachrücken können, wurden wir von Jahr zu Jahr weniger. Bei der Matura waren wir schließlich nur noch neun Kandidaten. Aber alle bestanden.

Klassentreffen gab es danach jahrzehntelang keine – niemand zeigte Interesse daran. Erst zum 50-Jahr-Jubiläum des Musikgymnasiums kam es zu einem besonderen Wiedersehen: Die Flötistin und Vizerektorin der Musikuniversität Wien Barbara Müller-Gisler, der Musikpädagoge Friedrich Lessky, der Cellist Heinrich Schiff und ich organisierten gemeinsam den „U19 Wettbewerb für Kammermusik“ – als Erinnerung an die Gründung des Schulversuchs im Jahr 1965.

Der Wettkampf fand in einem neu errichteten Gebäude der Musikuniversität statt, die aus der früheren Akademie hervorgegangen war – siehe das folgende Video. Im Laufe des Bewerbs wurde mir einmal mehr bewusst, wie sehr die Anforderungen an Instrumentalisten und ihr technisches Niveau seit meiner Studienzeit noch weiter gestiegen waren.

Chemie oder Musik?

Nach der Matura hätte ich eigentlich zum Wehrdienst einrücken müssen – doch da ich im Fach Cello inskribiert war, ließ sich ein Aufschub problemlos erwirken.

Im Herbst 1969 immatrikulierte ich an der Universität Wien und begann mit dem Studium der Chemie. Vorlesungen und Laborübungen fanden in einem Gebäudekomplex in der Währingerstraße statt, unweit vom Musikgymnasium (siehe den Bericht „Chemiker“). Mein Cellolehrer war von dieser Entscheidung wenig begeistert – denn mit der Wahl für die Naturwissenschaft war absehbar, dass aus mir wohl kein Berufsmusiker werden würde. Wozu hatte er sich dann die ganze Mühe mit mir gemacht?

In den ersten Semestern freilich war die Entscheidung zwischen Musik und Chemie für mich noch nicht endgültig gefallen. Und auch später – als promovierter Chemiker und schließlich als angelernter Journalist – betrachtete ich das musikalische Üben nie als verlorene Zeit. Musik ist ein Teil meines Lebens geblieben.

Im Juni 1973 bestand ich die Diplomprüfung im Fach Violoncello – zu einem Zeitpunkt, als ich bereits im achten Semester des Chemiestudiums stand. Dass ich beide Studien parallel und innerhalb der vorgesehenen Zeit bewältigen würde, hatten andere nicht für möglich gehalten.

Zur öffentlichen Diplomprüfung im Konzertsaal der Musikuniversität in der Johannesgasse spielte ich die Sinfonia Concertante von Sergei Prokofjew – ein Werk, das für seine technischen Schwierigkeiten berüchtigt ist. Der Komponist hatte es seinem Freund Mstislaw Rostropowitsch gewidmet, der damit sein stupendes Können unter Beweis stellen konnte. Genau das war es, was mich reizte: mich mit diesem spröden, aber eindrucksvollen Stück auseinanderzusetzen.

Für eine Auszeichnung im Abschlusszeugnis reichte es nicht. Damit hatte ich auch nicht gerechnet.

 

 

Konzerthaus ist fürs Profispiel,
das Hauskonzert gibt Laien viel.

Während meiner Diplomarbeit und Dissertation in organischer Chemie trat der Gedanke an eine Musikerkarriere zwar in den Hintergrund. Doch das hinderte mich nicht daran, sogenannte Chemikerkonzerte ins Leben zu rufen – Auftritte, bei denen Professoren, Assistenten und Studenten gemeinsam auf der Bühne standen. Denn unter Chemikern gab es durchaus nicht wenige musische Begabungen (siehe den Beitrag „Chemiker“). Die Konzerte fanden in einem Hörsaal am Institut für Physik in der Strudlhofgasse statt – ein ungewöhnlicher Spielort, der seinen eigenen Reiz hatte.

Mit den Chemikerkonzerten verfolgte ich auch ein praktisches Ziel: Die Atmosphäre in den damals oft hitzigen Studienkommissionen – in denen Professoren, Assistenten und Studenten zu gleichen Teilen vertreten waren – sollte durch gemeinsames Musizieren ein wenig entspannt werden. Drittelparität am Notenständer statt am Konferenztisch, gewissermaßen.

Später lud ich Freunde und Bekannte zu privaten Auftritten in kleinen Konzertsälen. Im Anschluss wurde gegessen und getrunken – die Hauskonzerte waren eine willkommene Gelegenheit, Bekanntschaften zu vertiefen und Netzwerke zu pflegen.

Oft begleitete mich dabei Carlos Rivera-Aguilar, den ich schon von der Musikakademie als genialen Korrepetitor kannte. Er besaß eine Gabe, die ich zu schätzen wusste: Wenn ich beim Spielen nervös wurde und versehentlich ein paar Takte ausließ, sprang er sofort ein und tat, als wäre nichts geschehen.

Mit Carlos Rivera-Aguilar
bei einem Hauskonzert . . .

Spätere Auftritte absolvierte ich mit dem leider zu früh verstorbenen Osfried Olaj, ehemals Professor für Physikalische Chemie an der Uni Wien. Bei ihm bin ich übrigens das einzige Mal bei einer Prüfung durchgeflogen, aber das Malheur war danach bald vergessen:

. . . und mit Oskar Friedrich Olaj.

Tondokumente von diesen Hauskonzerten habe ich keine. Nur aus dem Jahr 1997 gibt es einen technisch mäßigen Mitschnitt von einem Auftritt im Gastgarten der Schlossgasse 21 – ich spielte damals für den Geburtstag von Rüdiger Wolf, Geschäftspartner und Freund der Familie, die F-Dur Sonate von Johannes Brahms; Carlos Rivera begleitete mich am Klavier (es war 24 Jahre nach meiner Diplomprüfung in Violoncello).

Konzert im Gastgarten der Schlossgasse 21 (1997)

Wie attraktiv ist
das Leben eines Musikstars?

Die Karriere als Musiker schlug ich letztlich nicht ein. Aber wie es denen geht, die in ihrem Metier an die Spitze kommen wollen oder gar dort stehen, das interessierte mich natürlich weiterhin.
Als der berühmte Cellist Mstislav Rostropovich im Jahr 1974 die Sowjetunion verließ, lebte er eine Zeit lang in Wien und es gab einige Treffen mit ihm in Wien und in Guntrams am Landhaus meiner Mutter.
Ein paar Jahre später traf ich Rostropovich in Paris und spielte ihm in seiner damaligen Wohnung nahe vom Arc de Triomphe am Cello vor.
An einem sonnigen Samstag holte ich ihn um 11 Uhr morgen von einer Konzertprobe ab und wir besuchten eine kleine Bar in der Avenue George V.
Rostropovich bestellte Wodka und war ganz konsterniert, als ihm der Barman ein Glas mit Wodka reichte: Er wollte die ganze Flasche haben (die wenig später leer war).
Damals gelang es mir, ein Treffen zwischen ihm und dem französischen Cellisten André Navarra zustande zu bringen, mit dem ich über zwei Jahrzehnte hinweg freundschaftlichen Kontakt hatte.
Das denkwürdige gemeinsame Essen der beiden Stars fand in Paris statt:

mit André Navarra und Mstislav Rostropovich in Paris

Den weiteren Lebensweg von Rostropovich konnte ich nach seiner Übersiedlung in die USA im Jahr 1977 nicht mehr persönlich verfolgen, ich traf ihn erst viel später wieder in Wien und das nur kurz.
Ob er im Exil glücklich geworden oder doch eher heimatlos geblieben ist? Ich kann es nicht sagen.
Er war jedenfalls ein engagierte Kämpfer für Demokratie und Menschenrechte, weshalb er die Sowjetunion verließ und beim dortigen Regime für viele Jahre in Ungnade fiel. Erst ganz am Ende seines Lebens kehrte er, schwerkrank, nach Moskau zurück. Über die Stimmung bei seinem Treffen mit Wladimir Putin zur Feier des 80. Geburtstags im Kreml gibt es unterschiedliche Aussagen. Immerhin ist er in der Heimaterde begraben.
Deutlich länger und intensiver war ich mit André Navarra in Kontakt, verfolgte seine Konzerte, die Jahre im voraus geplant waren und seine Unterrichtstätigkeit in verschiedenen Ländern und Sprachen, darunter auch in Wien. Am wenigsten hielt er sich „zuhause“ in Paris auf, in seiner Wohnung in der Rue de Moscou. Zu so einem rastlos hektischen Leben ist nur fähig, wer dazu innerlich getrieben ist und das auch zulässt. Navarra hat es genossen, aber Zweifel klangen in den 1980-er Jahren dann und wann doch durch.
Ruhm und Applaus sind schön, sie mögen auch reich machen, aber der Preis, den man mit dem dadurch erzwungenen Nomadentum bezahlt, ist gleichwohl ein hoher.
Bei meinem Schulkollegen Heinrich Schiff kam eine mysteriöse Krankheit dazu, die seine Weltkarriere früh beendete.
Für mich waren die erwähnten persönlichen Kontakte gleichwohl lehrreich, weil ich – quasi hinter den Kulissen – erkennen und lernen  konnte, dass und wie nur ganz wenige eine Karriere bis zur Weltspitze schaffen.
Es war auch Spaß dabei. So fuhr ich im Jahr 1981 mit Navarra durch Norditalien. Wir besuchten den Geigenbauer Alfredo Gianotti im Norden von Mailand. Dort probierten wir ein knappes Dutzend Instrumente und diskutierten über die Unterschiede im Klang. Am nächsten Tag kauften Navarra und ich je ein Cello.

André Navarra und Geigenbauer Alfredo Gianotti in Mailand (1981).

Noch heute spiele ich das italienische Instrument gerne – in Zukunft wahrscheinlich nur mehr für mich privat.

Faszination der Weltmusik

Wie kam der Mensch im Laufe der Urgeschichte überhaupt zur Musik? Diese Frage beschäftigte mich schon in der Schulzeit. Damals faszinierten mich die verschiedenen Tonleitern der alten Griechen, von denen jede aus unterschiedlichen Intervallabständen bestand und mit denen – so wird überliefert – heitere oder traurige Stimmungen erzeugt werden sollten.

Dass eine Oktave in zwölf gleiche Halbtöne unterteilt wird, gilt heute als selbstverständlich – doch das war nicht immer so. Die Reihe der Obertöne ergibt davon abweichende Frequenzen, und andere Völker entwickelten ganz eigene, oft pentatonisch aufgebaute Melodien. Rätsel über Rätsel, die die Musikethnologen bis heute nicht restlos gelöst haben.

In der klassischen Musik gibt es Dur und Moll, Terzen, Quarten und Quinten. Sind das naturgegebene Universalien? Die in Wien entstandene „Harmonikale Grundlagenforschung“ bejahte diese Frage und berief sich dabei auf Pythagoras, Johannes Kepler und mathematische Naturgesetze, aus denen sich die sogenannte Sphärenmusik ableiten lässt. Als junger Mann fand ich dieses Konzept durchaus reizvoll – später wurde ich skeptischer.

Als ich zum ersten Mal die Insel Bali besuchte und der Klangfülle eines traditionellen Gamelan-Orchesters lauschte, begegnete ich einer Musik, die mit allem bisher Gelernten kaum etwas gemein hatte – außer dem Baumaterial der metallenen Gongs. Und doch war sie von überwältigender Wirkung: fremdartige Klangfarben und Schwingungen von unbeschreiblicher Eindringlichkeit.

Ähnlich fasziniert hat mich stets der französische Orgelkomponist Olivier Messiaen, dessen Werke aus indischen Rhythmen, gregorianischen Melodien und Vogelgesängen schöpfen – fremdrartig und doch von eigentümlicher Harmonie. Messiaen assoziierte Musik mit Farben, ähnlich – wenn auch anders – als der Moskauer Pianist und Komponist Alexander Skrjabin, der sein Farbenhören auf einzelne Tonarten bezog. Gegen Ende seines Lebens wollte Skrjabin sogar Düfte in sein Gesamtkunstwerk integrieren. Auch er entfernte sich damit weit von den tradierten Musikstilen Europas.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts griff der amerikanische Physiker Brian Greene die Sphärenklänge der Pythagoreer wieder auf und schrieb: Mit der Entdeckung der Superstringtheorie gewännen diese musikalischen Metaphern eine verblüffende Realität.

Das Schöne an der Musik ist:
Sie braucht keine Erklärung,
sie entzieht sich ihr.

PS: Akustische Videodokus von Bali bis Bahia sind am Ende des Berichts „Reisender“ zu finden.